
Prolog
Lieber Okzident, hier im Orient gibt es kluge, intelligente, sympathische, warmherzige, nette Menschen zuhauf. Es gibt auch Trottel, Deppen, Arschlöcher, Verbrecher und Fanatiker. Wie bei uns im Okzident auch. Jeder und jede, die den Orient mal besucht hat, kann dies bestätigen – bitte im Kommentar.
UN-Resolution
Wenn ich heute auf BBC, Reuters, Haaretz und Daily Star online über den Entwurf der neuen UN-Resolution lese, bin ich nicht nur wütend und möchte in eine Mauer kicken, ich sehe auch, dass du – lieber Okzident – nur dich selber siehst. Nicht die klugen, sympathischen, warmherzigen, netten Menschen hier, kaum die Trottel, Deppen, Arschlöcher und Verbrecher hier, nur die Extremisten. Israel und Bush sagen, sie seien sehr glücklich über diese UN-Resolution; der libanesische Premierminister Fouad Sinora hingegen betont, dass in der Resolution kein einziger Punkt der libanesischen Regierung berücksichtigt worden ist. Israel wird Südlibanon wieder besetzen (wie zwischen den 80er Jahren und 2000). Und wenn es von Hizbullah in Südlibanon angegriffen werden sollte, so darf es sich wehren. Hizbullahs Hauptaufgabe ist seit jeher, die israelische Besetzung des Südlibanons zu bekämpfen (bis vor diesem Krieg waren nur noch die Shebaa-Farmen unter israelischer Besatzung). Mit der neuen Resolution und der erneuten Besetzung Südlibanons gibt die Welt Hizbullah neues Gewicht, eine grössere Aufgabe, eine neue Existenzberechtigung – die Entwaffung der Hizbullah wird so vermutlich weiter herausgezögert. Es wird wohl wieder zu einem Südlibanon-Krieg kommen, bis dann irgendeinmal internationale Truppen die israelische Armee ersetzen werden – wie Hizbullah auf die Internationalen Truppen reagieren wird, ist eine andere Frage, an der ich mir hier nicht die Finger verbrennen möchte. Die neue UN-Resolution entsteht auch darum, weil Israel und die USA (und wahrscheinlich auch andere) schlicht behaupten, Hizbullah würde einen Waffenstillstand sowieso nicht einhalten. Die Begründung ist einfach: Man hat es mit einer Terrororganisation zu tun, und eine Terrororganisation kennt nur das Gesetz der Waffen. Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass diese Begründung stimmt. Nasrallah ist ein übler Kerl und ein radikaler Politiker. Man kann aber mit Nasrallah reden, man kann mit ihm verhandeln. Genau das will aber keiner tun - weil es nichts zu verhandeln gibt? Weil Israel und die USA sowieso keine Konzessionen machen wollen? Weil man ja nicht über Palästina und Shebaa-Farmen diskutieren will? So verstecken sich Israel und die USA hinter der Floskel, Terroristen kennen nur Waffengewalt. Möglichst keine politisch heiklen Fragen ansprechen ... Gleichzeitig lässt man Hizbullah nur eine einzige Möglichkeit offen, ihre Ziele zu erreichen. Gewalt, Guerilla-Krieg - eigentlich will man ja Gewalt und Krieg verhindern im Nahen Osten, sagt man. Wenn Israel schon nicht diese unnützen und unwichtigen Shebaa-Farmen zurückgeben will (die beste Lösung für eine Beendigung dieses Krieges), so sollte die neue UN-Resolution doch wenigstens für einen uneingeschränkten Waffenstillstand einstehen - mit Israel zurück in Israel. Danach könnte man abwarten, was geschieht. Beim Bruch des Waffenstillstandsabkommens würde man jene Kriegspartei verurteilen, die diesen Waffenstillstand nicht eingehalten hat. Vielleicht würde es zu einem neuen Krieg kommen... aber man hätte es wenigstens versucht. Waffenstillstand plus israelische Besetzung des Südlibanons kann aber nicht funktionieren - und das wissen sowohl die Israeli wie auch die USA wie auch der UN-Sicherheitsrat. Diese UN-Resolution birgt im Gegenteil grosse Gefahren. Andere libanesische Gruppierungen könnten stärker dazu übergehen, Hizbullah im neuen Befreiungskampf zu unterstützen. Die libanesische Regierung könnte wieder gespalten werden, und der sehr sachliche und differenzierte Premierminister Fouad Siniora, der aus meiner Wahrnehmung ein Symbol für einen kontinuierlichen und nicht vorschnellen Wiederaufbau Libanons war/ist, wird viel an Einfluss verlieren. Die alten Clan-Leader werden wieder grosse Reden schwingen, und wie es dann weiter geht, ... keine Ahnung.
Epilog
Viel schlimmer als all diese politischen „Ränkeleien“ und "Abscheulichkeiten" sind die Auswirkungen dieser UN-Resolution und einer solch einseitigen Weltpolitik auf eben die klugen, intelligenten, sympathischen, warmherzigen und netten Menschen, und auf die Trottel, Deppen, Arschlöcher und Fanatiker in dieser Region. Sie alle fühlen sich wieder einmal von der Welt verraten. Sie alle sehen, dass ihre Stimme, ihre Meinung nicht gefragt ist. Sie alle sehen, dass sie Weltbürgerinnen und Weltbürger zweiter Klasse sind. Sie alle sehen, dass sich Israel über Jahrzehnte hinweg über Un-Resolutionen hinwegsetzen und im gleichen Atemzug UN-Resolutionen nach ihrem Gusto fabrizieren kann. Sie sehen die US-Politik im Irak. Sie sehen, wie Israel um die Westbank eine Mauer baut, sie sehen, wie die Welt zuschaut. Lieber Okzident, du schaffst Dir Deine Terroristen selber (und Du weißt das auch). Je mehr Du den Orient unfair behandelst, desto mehr kluge, intelligente Menschen werden Organisationen wie Hizbullah toll finden. Organisationen, die gegen das Unrecht mit Waffengewalt ankämpfen - man will ja nicht mit uns reden. Unsere Freundin Reem hat gestern voller Freude erzählt, wie Nasrallah in seinen Reden Olmert und andere Weltpolitiker aufs Korn nimmt. Sie, ganz Damaskus, ganz Syrien, die ganze arabische Welt habe(n) sich über die Witze Nasrallahs gefreut und sich köstlich amüsiert. Es ist eine Art Galgenhumor, über den die Menschen hier lachen. Der Humor der Gedemütigten, der Humor der WeltbürgerInnen zweiter Klasse. ... Wie ich heute morgen von dieser neuesten UN-Resolution gelesen habe, da konnte ich zum ersten Mal im Keim nachvollziehen, wie einer zum Terroristen werden könnte. Keine Angst, ich werde nie Gewalt gutheissen. Ich verspürte eine solche Wut über meine erste Welt und empfand diese Resolution als eine so ungeheuerliche Frechheit. Ich beginne zu verstehen, dass in Menschen, die solche Enttäuschungen und derartige Demütigungen gegenüber ihren Heimatländern seit Jahrzehnten immer wieder ertragen und verarbeiten müssen, ein ungeheuerlicher Hass entstehen kann. Und zwar bei Menschen wie du und ich, bei Menschen, die nicht per se nationalistisch veranlagt sind, bei Menschen, die ihre politischen Führer eigentlich nicht unterstützen.
Ich kanns nur wiederholen: Man muss auch mit den vermeintlich Bösen – mit Iran, mit Syrien, mit Hizbullah – das Gespräch suchen. Nur so kann man dem Hass Einhalt gebieten, nur so kann man verhindern, dass auch die klugen, intelligenten, sympathischen, warmherzigen und netten Menschen des Orients anfangen, Terrororganisationen zu unterstützen und Gewalt als einzige Möglichkeit sehen, gegen Unrecht in dieser Welt anzukämpfen.
ThomasPS. Zwei Statements aus den heutigen Online-Medien
Dailystar, Englisch sprachige libanesische Zeitung:
"One of the two Hezbollah ministers in the Lebanese government, Mohammed Fneish, said: "When the Israeli aggression ceases, very simply, we will stop (fighting) on condition that no Israeli soldier remains inside Lebanese land." But Israeli Tourism Minister Isaac Herzog said on behalf of the government that "the army will continue to act" until the resolution entered into force." BBC LESERBRIEF
"The hatred for each other, between the Jews and Arabs in the region, is so deep that even an UN resolution may not help." Diese Aussage stimmt schlicht und einfach nicht. Sehr viele Menschen im Nahen Osten differenzieren zwischen Politik und Menschen. Gerne wuerde ich mal eine grosse Umfrage zu dem Thema sehen.