Tuesday, October 03, 2006

Tirana – Istanbul - Beirut


Übermüdet schreibe ich diesen Eintrag am Pult meines netten «Furnished Apartment» in Beirut. Ich war ein paar Tage weg: An einem internationalen Symposium über «Urban Music in the Balkans» in Tirana, Albanien. Musikethnologen aus der halben Welt diskutierten über die vielfältigen Volksmusikstile in Südosteuropa, und über all die komplexen Wechselwirkungen zwischen ihnen. Immer wieder wurde über Identitätsfragen geredet - zum Beispiel: Ist eine bestimmte Volksmusik nun eher vom osmanischen Maqam-Musiksystem geprägt, oder aber von christlich-byzantinischen Skalen? Diskutiert wurde auch, wie all die Volkslieder und die Poplieder in den verschiedenen Regionen des Balkans in verschiedenen Versionen und Texten zu finden und hören sind. Der Dokumentarfilm «Whose is This Song?» von Adela Peeva zeigte, wie die Leute in den verschiedenen Ländern ein bestimmtes Volkslied für sich beanspruchen: «Das ist unser Lied», sagen sie alle, die Türken, die Griechen, die Mazedonier, die Albaner, die Bosnier, die Serben, die Bulgaren. Streit bricht aus, viele äussern sich extrem nationalistisch. Die Wissenschafter aus Südosteuropa ärgern sich fürchterlich über den Film: Man hätte diesen Film ganz einfach auch anders machen können, finden sie. Gerade die Tatsache, dass alle dieses Lied kennen und lieben, sage doch auch etwas über den Zusammenhalt in der Region aus. Sie finden, dass Peeva in ihrem Film bewusst provoziert: Sie zeigt zum Beispiel eine muslimische Sekte in Bosnien, die das Lied singt. Dann filmt sie die Sekte, wie sie ziemlich inbrünstig und lange islamistische Parolen skandiert und auf Anfrage schlecht über die Serben redet. Dieses Material zeigt sie dann in einer Kneippe ein paar serbischen Männern, die daraufhin in Rage geraten und die Filmemacherin rausschmeissen. «Solche Filme gefallen euch Europäern. Nur diejenigen Filme, die auch Konflikte ansprechen, werden finanziert und unterstützt», sagt einer der Wissenschafter an der Konferenz. Er hat sicher nicht ganz Unrecht. Am Schlussabend trinken wir Schnäpse aus allen Ländern der Region, erzählen Witze aus allen Ländern der Region, lachen über Serben, Albaner, Bosnier, etc. und keiner stört sich daran. Nur ich, der aus der kleinen Schweiz, kriege irgendwie keine der Pointen mit - zu komplex ist alles hier, zu vieles müsste ich verstehen .....

Von Tirana bin ich dann nach Istanbul geflogen. Die fünf Stunden bis zum Weiterflug nach Beirut habe ich genutzt, um Freunde aus der Istanbuler Musikszene zu treffen und neue CDs zu kaufen. Zu Wasserpfeife und Bier wurde es mir dann traurig ums Herz: In zwei Wochen geht’s zurück in die Schweiz, die seit der letzten Abstimmung noch etwas mehr zu einer Festung geworden ist. Irgendwann werden wir vor lauter Einsamkeit nicht mehr begreifen, was in der Welt vor sich geht! In Tirana, Istanbul, Beirut und in vielen anderen Orten dieser Welt erlebst du all die Auswirkungen weltweiter Globalisierungs- und Lokalisierungsprozesse tagtäglich hautnah. In der Schweiz wird in zwei Wochen wieder alles weit weg sein: Wir wissen, dass es da draussen Probleme gibt, also halten wir uns diese Probleme möglichst vom Hals. Irgendwann aber werden wir nicht mehr am Puls der Zeit sein. Irgendwann werden all die gescheiten Menschen, die ich im Nahen Osten und auf dem Balkan getroffen habe, ihre Lebenserfahrung und ihr Wissen über die Welt nutzen können und uns auf einigen Ebenen überholen - irgendwie hoffe ich das für sie! Ich glaube zum Beispiel, dass die spannende neue Musik von morgen aus urbanen Zentren in Asien, Afrika, Lateinamerika, etc. kommen wird. Darum bin ich letztlich nach Beirut gegangen. Thomas

Friday, September 22, 2006

Erinnerungen an die goldenen Sechzigerjahre


Ich bin wieder zurück im libanesischen Alltag. Die ganze Woche habe ich Musikerinnen und Musiker getroffen: Die Beiruter Rocker der ersten Stunde schwärmten von der Beiruter Rockszene während des libanesischen Bürgerkriegs. In den 70er und 80er Jahren hätten sie Konzert um Konzert gegeben. Die Säle waren voll, selbst wenn in der Stadt gekämpft wurde. Heute hingegen wolle keiner mehr Live-Musik hören. Und die jungen Musikerinnen und Musiker seien nicht wirklich in der Musik drin; «Musik ist nur noch Lifestyle». Irgendwie wirken diese Musiker traurig: «Wir haben unsere Ziele nicht erreicht, aber wie sollten wir auch», sagt Emile, ein heute 50-jähriger Schlagzeuger. «Beirut war abgeschnitten von der Welt. Als Rockband konntest du höchstens zwei drei Mal pro Jahr in Beirut spielen, dann war Schluss. Auslandtourneen gab’s nie – auch wenn im Bürgerkrieg BBC und andere internationale Fernsehstationen über die 'verrückten Rocker unter den Bomben' berichteten.» Im und nach dem Krieg spielten Emile und seine Musikerfreunde auch Jazz- und Latin-Musik - zwangsläufig. «Wir mussten unser Repertoire verbreitern, um in möglichst vielen Restaurants der Stadt spielen und unser Geld verdienen zu können.» Eine andere Einkommensquelle bildet heute der panarabische Popmarkt. Viele der CDs werden in Beirut produziert - die alten Rocker sind zu Studiomusiker geworden.

Die Komponisten, Arrangeure und Musiker, die der Sängerin Fairuz und den Brüdern Rahbani zu Weltruhm verhalfen, verdienten ihr Geld vor und während dem Bürgerkrieg in den vielen Bars und Cabarets der Stadt. Heute sind sie alle über siebzig Jahre alt, und schwärmen vom Beirut der Sechzigerjahre. «Damals gab’s in allen Nachtclubs kleine Live-Ensembles, die arabische Musik, Jazz und die neuesten Pophits aus dem Westen spielten», erzählt ein bekannter armenischer Pianist und Komponist: «Es gab damals in Beirut viel Geld zu verdienen, die Stadt zog viele ausländische, vor allem europäische Musiker an», erinnert er sich: «Muslimische, christliche, jüdische Musiker, alle spielten sie in Beirut – es waren goldene Zeiten!» Musik war damals hoch angesehen, das habe ich schon öfters gehört. Der libanesische Präsident Chamoun selber war ein grosser Musikfreund und Kulturförderer. Er förderte zum Beispiel das Musikfestival in den antiken Ruinen von Baalbek; das Festival erlangte Weltruhm und war eine wichtige Visitenkarte für einen aufstrebenden Libanon zwischen Orient und Okzident.

Heute sei alles anders, das sagen sie alle: die Rocker, und die Komponisten. Heute gäbe es nur noch Korruption, Machtgeplänkel, und kaum mehr Kultur. Nicht wenige machen den Hariri-Clan, den Einfluss Saudi-Arabiens, die arabische oder sogar die muslimische Welt an sich für alles verantwortlich. Ich kann den Frust und die Argumente der Musiker nachvollziehen, aber ich finde sie zu allgemein, zu sehr «schwarz-weiss». Es gibt in Libanon heute sowohl muslimische wie christliche KünstlerInnen, die das Land vorwärts bringen wollen. Die zeitgemässen Kulturorganisationen im Land sind konfessionell gemixt. Diese Woche etwa wurde das arabische Filmfestival der Beiruter Organisation Beirut DC durchgeführt – siehe www.beirutdc.org. Die Dokumentar- und Spielfilme aus allen Ecken der arabischen Welt zeigten, welch grosses Potential der Nahe Osten hat. Es muss dafür gekämpft werden, dass diese Künstler, die Teil einer grösser werdenden Zivilgesellschaft sind, mehr Einfluss nehmen können. Wie genau dies geschehen soll? Darauf gilt es Antworten zu finden.

Monday, September 18, 2006

Beirut - Bern - Beirut

Letzte Woche habe ich einen Abstecher nach Bern gemacht. Das erste Mal nach einem halben Jahr wieder daheim – nach einer Zeit, die mehr Aufregung und Action brachte, als ich mir je hätte vorstellen können. Nach Monaten, die mich müde, traurig, wütend machten und auslaugten.

Bern ist eine schöne Stadt. Die Fassaden der Häuser sind glatt, manchmal zwar versprayt und zuweilen auch schmutzig und schmuddelig, aber glatt. Keine Einschusslöcher eines Krieges, der anderthalb Jahrzehnte schon vorbei ist. Und natürlich auch keine halb zerstörten Wohnviertel in der Suburbia. Zumeist gepflegtes Erscheinungsbild der Gebäude also – im Gegensatz zu den Menschen. Der zweite frappante Unterschied: die Leute in Bern, die Passantinnen und Passanten, sehen alle sehr unterschiedlich aus, die Diversität ist gross. Aber viele Leute sind irgendwie ungepflegt, schlampig gekleidet, hässlich. Darf ich das einfach so sagen? Es erschien mir jedenfalls so. Ehrlicherweise muss gesagt werden, dass wir hier in Beirut auch immer total under-dressed sind, wenn wir an irgendeinen Anlass gehen. Die schlampigen Europäer halt. Vielleicht sind die Bernerinnen und Berner einfach auch viel natürlicher als die Beirutis – weniger operierte Näschen und Brüste, weniger Make-up, weniger Stilettos. Dennoch gibt es sehr viel mehr schöne Menschen hier als in Bern.

Als ich vorletzten Samstag Nachmittag durch die Berner Hauptgasse ging, fiel mir ausserdem auf, wie viele „Randständige“ es gibt. Hier gibt es sie wohl auch, aber viel versteckter. Undenkbar, dass in Beirut ein „verjäster“ Typ mit Joint in der Hand laut grölend durch die Stadt zieht. Hier würde er wohl sofort verhaftet...

Die Probleme, die die Leute etwa im Bus beschäftigen, kommen einem total lächerlich und peinlich vor: ein Töff-Fahrer auf dem Trottoir ohne Helm, den die Polizei ungebüsst laufen lässt! Ein Bus-Chauffeur, der einem nicht die vorderste Tür öffnet! Tonnerli! Wie schön, wenn man sich über so was aufregen kann, denke ich – und bin mir bewusst, dass ich mich in einigen Monaten vielleicht über die gleichen Dinge nerven werde. Irgendwie tut es dennoch gut, sich bewusst zu werden, wie privilegiert die allermeisten von uns in der Schweiz sind, im Vergleich zu anderen Weltgegenden. So bünzlig und bieder mir Bern auch vorgekommen ist, letztlich ist es doch einfach toll, dass die Bundesräte hier Velo oder Zug fahren und nicht zuoberst auf der Abschussliste ihrer politischen Gegner stehen. Anna

Thursday, September 14, 2006

Die spinnen, die Libanesen – Zurück in den 80er Jahren.


«Sie haben mein Heim zerstört, aber meinen Willen nicht. Sie haben meinen Sohn getötet, aber ich bleibe stark. Immer werde ich auf meinen Gegner schiessen. Ob ich sterbe oder am Leben bleibe, ist egal.» Synthetische Bläser, arabische Gesänge, Gewehrsalven und Sirenen mischen sich zu einer unerträglichen Kakophonie. - Schreckliche Propaganda-Musik der Hizbullah! Ich habe gemeint, damit sei jetzt Schluss. Weit gefehlt: Jetzt dröhnen ähnliche Lieder vom Hauptquartier der christlichen Miliz der Lebanese Forces in grösster Lautstärke auf unsere Wohnstrasse hinaus. Die Lieder stammen aus den 1980er Jahren, aus dem libanesischen Bürgerkrieg. Sie lassen den Milizführer Bachir Gemayel hochleben, der am 14. September 1982 durch einen Bombenanschlag ums Leben gekommen war. Wie alle libanesischen Kriegsführer hatte auch er «zünftig Dreck am Stecken»; verehrt wird er trotzdem – oder erst recht. «Achrafieh ist der Anfang, und Achrafieh ist die Legende Bachir Gemayels», singt ein Männerchor. Wie in den Hizbullah-Songs wird auch hier die Musik neu aufbereitet mit Synthesizern, synthetischen Bässen und technoiden Beats. Fast jeder, fast jede in unserer Strasse hat das neue, offizielle Gemayel-Bild an sein oder ihr Fenster geklebt. Gestern Abend gab’s sogar Feuerwerk; es krachte wie im Krieg - die spinnen, die Libanesen! Und heute gabs dann bei der Place S’Assine den grossen Bachir-Gemmayel-Showdown. Aus allen Ecken dröhnten die Propaganda-Lieder, Reden wurden geschwungen, und ein paar «gewichtige» Parteileute fuhren in dunklen Autos vor – begleitet von x Sicherheitsleuten. Entsetzlich das junge Alter der meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Fast alle unter zwanzig. Fast alle tragen Fahnen, und sie johlen wie bei einem Fussballspiel. Männlein und Weiblein aber bunt gemixt. «Die Generation, die den Bürgerkrieg nicht erlebt hat, fährt wieder voll auf die alten Kriegshelden ab», haben mir meine Musikerfreunde immer mal wieder gesagt ... vor allem dann, wenn sie pessimistisch von der Zukunft ihres Landes sprachen.

Die kritische Bürgerkriegsgeneration hört lieber den Sänger Philemon Wehbe, der in den achtziger Jahren in einer 30-minütigen Komposition und Schimpftirade mit sämtlichen Politikern und politischen Idealen des Landes abgerechnet hatte. «Gebt alle eure Waffen her, geht heim und schlaft», sang er, und listete all die Politiker auf, die zum Teil noch heute an der Macht sind. «Sie alle haben dich gefickt, oh Libanon. Sie haben dich verkauft, oh Libanon.»

Und das noch: Ich höre Gerüchte, dass die Bar- und Club-Besitzer in Beiruts Ausgehmeile Gemmayze migrieren wollen. Sie wollen eine Clubstrasse in der südlichen Provinzstadt Saida eröffnen. Immerhin gibt’s dort jetzt über 10'000 Männer aus Frankreich, Italien und anderen Ländern. Da lässt sich was verdienen. - zumal das Geschäft immer noch mies läuft. Wer will es ihnen verübeln. Aber: Sie spinnen, die Libanesen.

Saturday, September 09, 2006

Ein bisschen Frieden – oder: Die Rolle der Künstlerin im und nach dem Krieg



Die Luftblockade ist weg. Der Pilot der ersten Maschine der Middle East Airlines hat vor Freude gleich drei Runden über dem Stadtzentrum gedreht. Ich interviewte zu jener Zeit gerade die Pianistin und Komponistin Joelle über die Rolle der Künstlerin im und nach dem Krieg, und über die Einflüsse der Gesellschaft auf eine Künstlerin. Wir hörten den Jet über uns kreisen, meinten es seien drei – die lokale Zeitung klärte mich am nächsten Tag auf. «Lass uns mit Champagner anstossen», meinte Joelle, «Die Luftblockade ist weg! Juhui!» Ich dachte mir, «jetzt hast du doch noch eine historische Tonaufnahme gemacht» - beim Kriegsanfang, als die israelischen Kriegsflieger über unserer Wohnung dröhnten, da hatte ich es ja nicht gewagt, auf den Balkon rauszugehen und diesen Krach aufzunehmen. Schaulustig sein bringt Unglück, dachte ich damals, plötzlich abergläubisch geworden.

Was ist die Rolle einer Künstlerin, eines Künstlers im und nach dem Krieg? Diese Frage habe ich in diesen Tagen sehr oft mit Musikerinnen und Musikern diskutiert. Joelle sagt, als Künstlerin müsse sie Vorbild sein. Im Idealfall könne sie Menschen dazu inspirieren, das Mögliche - und nicht nur das Wahrscheinliche – anstreben zu wollen. Ihre Vorbilder seien Bach, Beethoven, Shakespeare, Virginia Wolf und einige andere; sie hätten ihr gezeigt, dass es einen Weg neben dem Alltäglichen geben kann. Libanon hingegen, so Khoury, sei ein Land ohne Vorbilder. «Die vermeintlichen Vorbilder, all die Clan-Chefs und politischen Führer, sind alles korrupte Lügner. Und die meisten potentiellen Vorbilder sind ausgewandert und schauen gerne etwas arrogant auf die Daheimgebliebenen herab. Zum Beispiel sprechen sie schlecht über unsere Musikszenen hier.» Man müsse doch die Umstände in Betracht ziehen, unter denen hier in Libanon Kunst entstehe, findet Joelle, propagiert damit aber keinesfalls einen Kulturrelativismus - sie findet aber, dass man nicht immer zu schnell urteilen und etwas genauer hinhören und hinschauen müsste. «Ein Künstler ist auch ein Mensch. Er lebt in einer Gesellschaft mit, kriegt von ihr sein Wissen vermittelt und seine Scheuklappen aufgesetzt, will aber kontinuierlich seinen Horizont erweitern. Und so kann er mithelfen, eine Gesellschaft zu verändern.» An politische und sozialkritische Kunst glaubt Joelle nicht. «Ich will in Beirut bleiben, meine Fühler aber in die ganze Welt ausstrecken. Als Pianistin orientiere ich mich am internationalen Level, die beste Pianistin Beiruts zu sein, das reicht nicht, das darf nicht reichen! Nur so, kann ich vielleicht ein Vorbild für eine jüngere Libanesin, einen jüngeren Libanesen sein.»

Der Rapper Wael sagt ungefähr dasselbe. Er ergänzt, dass ein Künstler nicht zu sehr nach links und rechts schauen und seine Kunst nicht auf ein Publikum zuschneiden dürfe. «Ich beschäftige mich in erster Linie mit mir selber. Rap ist Selbsttherapie. Ich glaube, je mehr ich mich selber vertone, je mehr kann ich Menschen inspirieren.» Auch Zyad, ein Oud-Spieler, Sänger und politischer Kolumnist in einer renommierten libanesischen Zeitung, will Musik in erster Linie für sich selber machen. Er glaubt nicht an all die Politsänger wie Marcel Khalife, Khaled el Haber und Ahmad Kabour, die im libanesischen Bürgerkrieg (1975 – 1990) linkes und kommunistisches Kulturgut vertont haben. «Die Musik selber muss im Zentrum stehen. Sie muss den Zuhörern ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Sie muss die Leute zum Hinhören, zum Geniessen animieren. Nur so kann Musik etwas verändern.» Dass sie als Musiker den Libanon wieder aus seiner Schieflage hieven können, glauben die drei nicht. Veränderungen passieren sehr langsam. Immerhin, so Wael, habe die libanesische Künstlerszene im Krieg mit all ihren Blogs und Webstreams einer breiteren Weltbevölkerung aufzeigen können, dass Beirut eine kultivierte, weltoffene, kosmopolitische Stadt sei. Vielleicht habe dies mitgeholfen, dass der Druck auf Israel, die USA und die UNO gestiegen sei und es dann am Ende doch noch zu einem Waffenstillstand kam.

Am frühen Samstagmorgen scheint auch der Hafen wieder aufgegangen zu sein. Zum ersten Mal seit langem waren diese Scheinwerfer wieder an, die das Schlafzimmer so hell ausleuchten. Mitten in der Nacht wurden Container verladen; der Krach hat mich aufgeweckt. Endlich liegt wieder einmal ein Schiff im Hafen. Thomas

Thursday, September 07, 2006

Understanding Lebanon

Der Titel dieses Textes ist ein Widerspruch in sich – Libanon kann man nicht verstehen. Oder besser: Libanon kann ich nicht verstehen. Vielleicht liegt es daran, dass ich zu wenig weiss über das Land, zu wenig lange hier gelebt habe. Aber ich kann einfach nicht behaupten, dass ich das Land jetzt besser verstehe als noch im März, als wir hier angekommen sind (wir waren ja auch vorher schon mehrmals hier). Die Libanesen verstehen wohl oft selber nicht, wie ihnen geschieht, und sie haben die Geschicke ihres Landes oft auch nicht in eigener Hand.
Ein Freund meinte gestern, er lese keine Zeitungen mehr – Zeitung lesen sei, wie in Bars rumhängen: alle lästern über alle Nicht-Anwesenden. Und es ist wirklich so – die Politiker beleidigen sich via Medien gegenseitig, unterstellen einander gegenseitig Verschwörungen, verunglimpfen einander. Und das, nota bene, in einer Situation, die wahnsinnig heikel und instabil ist. Ich kann gut verstehen, dass man hier keinem Politiker traut. Aber ich kann ebenso wenig begreifen, wie nun total säkulare junge Libanesen die Hizbullah als Hoffnungsträger für das ganze Land feiern und wirklich glauben, die Partei Gottes würde selber säkular agieren (?kann man das?). Thomas erzählte heute von einem Musiker (arabische Musik), dessen Konzerte früher im Südlibanon von der Hizbullah immer wieder unterbrochen und verboten wurden. Und dieser gleiche Musiker unterstützt die Hizbullah heute und möchte eine Hizbullah-Regierung! Er hat am eigenen Leib erfahren, wie sie in Hizbullah-Country agieren, Kultur verbieten. Ich nix verstehen.
Mit einer Freundin unterhielt ich mich vor kurzem über den Palästina-Konflikt. Sie meinte, was in den Palästinenser-Lagern im Libanon geschehe, sei eine Art langsamer Holocaust (habe mich erstens an der Terminologie gestört). Ich meinte, ja, schlimm, da hat der libanesische Staat eine ganz üble Rolle gespielt. Worauf sie meint, was, wieso der libanesische Staat? Die Israelis haben sie doch vertrieben, nicht die Libanesen! Sie stritt glattweg ab, dass die Libanesen eine Verantwortung tragen für die Art und Weise, wie die Palästinenser in den Lagern seit Jahrzehnten darben, fast ohne Rechte, ohne Zukunft, ohne Möglichkeit, sich in die libanesische Gesellschaft zu integrieren. Die sollten ja in ihr Land zurückkehren! In Jordanien seien sie besser aufgenommen worden, weil das Land eh nur Wüste gewesen sei, und Syrien habe sie besser empfangen, weil – hm, nun, da wusste sie keine Antwort. Sie meinte einfach, nur die Israelis sind schuld am Los der Palästinenser in den Lagern im Libanon. Basta. Es steht ja nicht zur Diskussion, dass die Palästinenser vertrieben wurden und ihre Dörfer nicht freiwillig verlassen haben. Aber es kommt doch keinem in den Sinn, die Wirtschaftslage in Marokko dafür verantwortlich zu machen, wenn marokkanische Plantagenarbeiter in Südspanien wie Dreck behandelt werden! Die Tatsache, dass die palästinensischen Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren sollen, rechtfertigt doch nicht, sie hier brutal zu diskriminieren und marginalisieren! Ich nix verstehen.
Und nun noch etwas ganz anderes, aber ebenfalls Unverständliches zum Schluss: Ich kann auch nicht verstehen, was unsere Nachbarn die ganze Zeit machen: Gegenüber von uns drehen sich einige Kinder seit Monaten dauernd wie verrückt im Kreis! Ständig! Jeden Tag! Schnell und schneller! Warum? Wozu? Ist das nur eine Phase? Werden sie davon high? Oder befindet sich im christlichen Achrafiyé eine heimliche Derwisch-Schule?? Habe mir die Klingel-Schilder des betreffenden Hauses mal angesehen und kein Indiz für nichts gefunden. Ich nix verstehen.
Anna, 7.9.

Auswandern


Endlich. Heute hebt Israel die Luft- und Meerblockade auf. Zum ersten Mal seit Tagen sehe ich den Heissluftballon für Touristen wieder über dem Stadtzentrum schweben. Im Hafen brennt ein riesiges Feuer – wahrscheinlich wird einfach Müll verbrannt, aber die riesige Rauchwolke hat mir und vielen Leuten hier zunächst mal einen kleineren Schock eingejagt. Die Meinungen über diesen Krieg sind sehr gespalten, die Aussagen der Leute nicht selten widersprüchlich und undeutlich. Laut einer unabhängigen Umfrage, die heute im Daily Star veröffentlicht wurde, empfanden 78% der Libanesen die Politik Nasrallahs als exzellent. 58% wollen auch nach dem Krieg in Libanon bleiben, 21% warten erst mal ab, 15% wollen auswandern, und 4% sind unentschieden.

Im Virgin Mega Store, Downtown, treffe ich Julio, Fouad und Marco. Drei Instrumentenverkäufer, drei Rock-, Heavy-Metal- und Death-Metal-Musiker. Christen und Armenier. Alle drei wollen auswandern. Julio will nach Prag, in die Weltstadt der Musik und der Musiker, wie er sagt: «In Beirut bekommst Du als Musiker nirgendwo eine richtige Ausbildung geboten. Es gibt kaum gute Mitmusiker. Du kommst einfach nicht vom Fleck.» Marco und Fouad wollen nach Frankreich. Viele Freunde und Musiker sind bereits ausgewandert, einige warten auf ihr Visum, wieder andere kommen in ein paar Tagen zurück - «hoffentlich» sagen die drei, denn so sicher sind sie nicht. «90% der libanesischen Jazzmusiker leben und arbeiten seit Ausbruch des Krieges in Dubai. Sie müssen spielen, Geld verdienen.», klagt Julio. Eigentlich hatte er noch vor kurzem eine Crossover-Band gründen wollen, doch jetzt fehlen ihm ein Saxophonist und ein Trompeter. So ganz fix scheint sein Auswanderungsentscheid nicht. «Im Ausland müsste ich wieder bei null anfangen. Will ich das wirklich?!»

Dieser Krieg sei sinnlos gewesen. Sie hätten jegliches Vertrauen in die Zukunft dieses Landes verloren, sagen die drei. «Wie kann Hizbullah ein solches Debakel als Sieg verkaufen!?» Seit Wochen komme kaum ein Kunde mehr in die Instrumentenabteilung. «Wir vertreiben unsere Zeit mit Jamsessions». Alle lachen. «Vielleicht aber verlieren wir bald alle unsere Jobs.» Im Krieg sind die drei Musiker ab und zu in den Bergen, im christlichen Broumana, in den Ausgang gegangen. «Halb Beirut feierte dort oben Partynächte, während unten in Dahiye Menschen starben. Das ist irgendwie schon krank, und irgendwie haben wir uns auch nicht gut gefühlt dabei», sagt Fouad und fügt als Entschuldigung an, sie hätten sich wenigstens nicht allzu fest zurechtgemacht - «ganz im Gegensatz zu einigen Frauen, die vorher stundenlang vor dem Spiegel gestanden sind und sich bemalt haben ... wie können sie nur!»

Im Café des Virgins treffe ich Raffi, der zur Zeit grad mit einer Theatergruppe Ziyad Rahbanis Kultstück «Failure» einübt. Raffi arbeitet einer internatinalen NGO zu «Good Governance», und er hat bei der Internetradiostation www.vibelebanon.com seine eigene Show. Es seinen vor allem christliche Jugendliche, die jetzt auswandern wollten, weiss Raffi. Der christliche Patriarch Boutros Sfeir habe die Botschaften westlicher Länder angewiesen, den jugendlichen Christen nicht mehr allzu einfach Exitvisas auszustellen. Sfeir habe Angst ums konfessionelle Gleichgewicht in diesem Land. Natürlich denkt auch Raffi daran, Libanon in Richtung Westen zu verlassen. «Ich bin jetzt 26. Ich will mir eine Existenz aufbauen. Und ich bin nicht mehr sicher, ob ich das hier in Libanon kann.» Thomas

Thursday, August 31, 2006

Dahijeh

Heute waren Anna und ich in Dahijeh. Eine Geisterstadt. Trümmer soweit die Augen blicken können. Aus den Häusern, die in Schutt und Asche liegen, ragen all die Armierungseisen heraus. Zu den skurrilsten Formen verbogen. Ein Mann sammelt die einigermassen gerade gebliebenen Eisen auf und will sie wohl verkaufen. Frauen, Männer, Kinder stehen auf den Schuttbergen, die noch vor kurzem ihre Häuser waren und suchen nach den Gegenständen, die noch vor kurzem ihr Heim ausmachten. Am Rand der Schuttberge stapeln sich Teppiche, Schuhe, ein Kochherd, ein paar Pfannen. Alles ist gespenstisch ruhig. Alle arbeiten konzentriert, sind stumm geworden. Nur die Bagger und Kräne machen einen gigantischen Krach. Ihre Schaufeln und Zangen krallen sich im Beton, in den Armierungseisen, im Hausrat fest und reissen alles aus dem Elend raus. Staub überall. Viele tragen Masken, einige halten einfach ihr Hemd vor Mund und Nase. Männer und Frauen und Kinder sitzen einfach apathisch vor ihren Häusern. Einige sitzen sogar in ihren Wohnungen drin. Man sieht noch die Bilder, die sie hier aufgehängt haben. Man sieht einen Teil der Küche, das Wohnzimmer, das Schlafzimmer. Ein Fernsehteam filmt die Wohnungen. Ein paar Libanesen sind mit kleinen Digitalkameras oder mit Videokameras gekommen und dokumentieren die Zerstörung. Auch ich schiesse ein paar Fotos. Kaum jemand spricht uns an. Wir schauen diesen Menschen in die Augen, und sie schauen zurück. Keiner braucht was zu sagen. Die traurigen und müden Blicke sprechen Bände. Ein Autofahrer sagt zu mir, «Das ist Demokratie! Danke!», ein anderer fragt, woher wir kommen. «Aus der Schweiz? Very good! But Bush and Olmert very bad». An einer Ecke hat ein Wasserpfeifen-Kaffee noch immer geöffnet – als ob nicht schon genug Smog und Rauch in der Luft wäre. Hinter einer anderen Ecke besuchen wir Lokman Slim und Monika Borgmann vom Umam Kulturzentrum. Der Kaffee, den sie uns anbieten, tut unsere staubigen Kehle gut. Lokman und Monika sind zynisch geworden: So gross sei die Zerstörung jetzt auch wieder nicht, untertreiben sie und schütteln ihre Köpfe. Schwarzer Humor ist angesagt in Libanon. In einem Witz schickt Hizbullah Libanons Sexikone und Popdiva Haifa für Verhandlungen nach Israel. Haifa kommt schwanger zurück und sagt, sie bringe eine neue israelische Geisel. Wirklich lachen tut keiner... Libanon ist aus den Fugen. Anna und ich hoffen, dass die libanesische Regierung die Oberhand behält. Ein Wettkampf hat begonnen: Wer zahlt mehr und schneller Geld an diejenigen, die ihr Haus im Krieg verloren haben. Hizbullah verteilt schon mal tüchtig. Und die Regierung kündigt jetzt auch Direktzahlungen an. Was wäre, wenn Hizbullah und die Regierung solche Gelder nicht erst nach Zerstörungen auszahlen würden? Was wäre, wenn Hizbullah und die Regierung sich auch im Friedensfalle wirklich um die Bevölkerung kümmern würden? Wie wir wieder aus Dahijeh raus sind, lässt der Kulturschock nicht lange auf sich warten. Zwischen Sodecco und der Place Sassine reihen sich schicke Dessous-Läden aneinander. Auf den Hauswänden lächeln uns Damen in Unterwäsche entgegen. Michel Aoun for President steht auf einem anderen Plakat geschrieben. Und gleich hinter einer der vielen Marienstatuen schaut ein ernster Samir Geagea auf die Strasse hinab. Thomas

Bergtouren

Ich gehe jetzt andauernd auf Bergtouren. Denn nicht wenige Musikerinnen und Musiker haben sich in ihre Familienwohnungen in den Bergen zurückgezogen. Ich schnappe mir einen Bus bei der Place Sassine und fahre in vielen Umwegen und mit vielen Stopps fast im Schritttempo aus Beirut raus. Meistens geht’s durchs armenische Viertel Bourj Hammoud. Alles ist auf Armenisch angeschrieben hier. Leute überall, und unser Bus steht immer wieder im Stau – alles ist so ganz anders als in Achrafieh, wo weiterhin alles so leer ist. (Es ist die Mittel- und Oberschicht, die noch nicht in die Stadt zurückgekehrt ist. Sie wartet in den Bergen, bis die Hitze des Sommers und dieser Krieg ganz sicher vorbei sind.) Die Strasse Richtung Norden ist bis kurz nach Jounieh unbeschädigt. Vom Krieg spürt man wenig. All die hässlichen Möbelgeschäfte am Strassenrand sind offen. Die libanesischen Popstars werben auf riesigen Plakaten für ihre neueste CD, die jetzt allerdings auch nicht mehr so neu ist. Und die Leuchttafeln der «Super Night Clubs» blinken trotz Stromknappheit.

Von der Hauptstrasse geht’s dann meistens in einem Taxi in engen Kurven einen steilen Berg hinauf. Am Ende der Strasse, meistens wunderbar im Grünen, steht dann das Haus des Musikers, der Musikerin – ein Familienhaus: mit Eltern, Schwestern, Brüdern, Kindern, und Dienstmädchen. Auf einer Terrasse reden wir dann über diesen Krieg, über Zukunftspläne, über die Rolle eines Künstlers im Krieg, und über vieles mehr. Manchmal werden wir von einem der Kinder unterbrochen. Es spielt Israel gegen Hizbullah im Sandkasten. Die Präferenzen sind unklar: Manchmal siegt Israel, dann wieder Hizbullah. Unklar, und vor allem sehr uneinheitlich, sind auch die Meinungen meiner Gesprächspartner. Während ein Teil doch eine gewisse Faszination für die «Erfolge» der Hizbullah zum Ausdruck bringt und die libanesische Regierung als unfähig und korrupt kritisiert, favorisieren andere klammheimlich Israel. Sie wollen nicht in einem fundamentalistischen, islamischen Staat leben, oder sie finden, dass der so genannte «Widerstand» der Hizbullah nicht nur selbstzerstörerisch, sondern auch menschenfeindlich gewesen sei. Viele hingegen unterstützen keine der beiden Kriegsparteien. All die Kriegstage waren Tage der Familie für sie. Und ausserhalb der Familie führten sie möglichst wenige politische Diskussionen. Denn keiner wusste, was wirklich Sache war. Zu viele dumme Verschwörungstheorien kursierten. Zu viele Freundschaften drohten aufgrund politischer Diskussionen zu zerbrechen. Das Familienleben stand und steht noch immer im Vordergrund. Einige sind auch tief in ihre Musik eingetaucht und haben viel gearbeitet. Andere waren einfach nur deprimiert.

Am frühen Nachmittag gibt’s dann oft köstliches libanesisches Essen – ich bin ein verwöhnter Musikethnologe, denke ich dann. Danach geht’s irgendwann wieder den Berg hinab. Zurück in die Hitze, zurück in das noch immer stinkende Beirut.

Saturday, August 26, 2006

Waldspaziergänge im Dunkeln

Wir sind jetzt seit knapp drei Tagen wieder in Beirut. Es scheint, als würde die Stadt alle unsere Energie aussaugen. Die Strassen sind leer. In den Bars trinken wir mit Freunden im Dunkeln. Immer wieder fällt der Strom aus. Die Strassen sind in der Nacht kaum beleuchtet. Es ist, als würde man in der Nacht durch einen Wald spazieren. Die dunklen Bäume sind hier einfach dunkle Häuser. Wir haben uns mit vielen Freunden getroffen. Sie alle reagieren ganz anders auf die Situation. Cyril meint, Beirut unter Bomben sei immer noch viel besser als Paris. Charbel will auswandern; am besten mit seinem ganzen Musikensemble, so dass man dann in Kanada oder anderswo gleich die nächste Platte aufnehmen kann. Cynthia hat Wochen lang keine Musik gehört. Musik ist plötzlich so unwichtig geworden, findet sie. Sie lebte mit und für ihre Familie. Die Familie zählt. Rana hatte fürchterliche Angst in all diesen Bombennächten. Sie erzählt von den Fliegern und Drohnen, die sie gesehen hat, und von den Sounds, die sie gehört hat. Immerhin sei sie irgendwie über ihr Kindheitstrauma hinweggekommen. Sie begreife jetzt, warum sie als Kind so Angst gehabt hatte vor den Sounds der Flieger und Bomben. Sie hat immer noch Angst vor ihnen, aber alles ist irgendwie aus der Erinnerung in die Gegenwart gekommen. Man kann Beirut nicht fassen im Moment – wahrscheinlich kann man das ohnehin nie. Wir waren heute mit dem Fernsehen in Dahiye, im zerstörten Süden der Stadt. Wir haben all die kaputten Häuser gesehen, und all die Leute, die hier aufräumen. Es ist alles irgendwie surreal, und einfach nur traurig. Gleichzeitig scheint das normale Leben weiterzugehen. Die Stände mit frischem Gemüse und Früchten sind offen. Auf der Strasse herrscht Stau. An Bombenstätten wird aufgeräumt. Wir haben ein Kulturzentrum in Südbeirut besucht, das teilweise zerstört worden ist. Hier wurden noch vor kurzem internationale Filme gezeigt – zum Beispiel «Forget Baghdad» vom Schweizer Filmemacher Samir. Hier wurden alle möglichen Artikel aus der Geschichte Libanons aufbewahrt. Ein Teil des Archivs ist jetzt durch die Bomben quasi pulverisiert worden. Während in Dahiye hektisches Treiben herrscht, ist, wie gesagt, das Stadtzentrum fast wie ausgestorben. Ich habe Sonntage in Beirut immer geliebt. Und jetzt ist immer Sonntag hier, scheint es. Wir haben auch den Leuchtturm gesehen. Mit einem erstaunlich präzisen Schuss ist ihm der Kopf abgeschossen worden. Wir sahen auch den Ölteppich bei den berühmten Taubenfelsen. Abscheulich. Und doch schwimmen ein paar Libanesen noch immer im Meer. Und doch fischen ein paar Libanesen an der Corniche weiter nach Fisch. Die Luft ist schlecht. Es ist heiss und feucht. Die Stadt zieht dir im Moment die ganze Energie aus dem Leib. Alles läuft auf Sparflamme. Und kaum einer hier traut der Zukunft. Immer wieder muss ich an «Warten auf Godot» denken. Was kann ich schreiben? Die Stadt ist schockiert. Niemand hätte das gedacht. Es hätte der Rekordsommer werden sollen. Die Hotels werden voll sein, hiess es noch vor etwas mehr als einem Monat. Wir hören, dass Beirut noch kurz vor dem Krieg in einer Rangliste der weltweit beliebtesten Stadt-Feriendestinationen den neunten Platz belegt hat. All das ist wie weggeblasen, scheint es. Die Stadt hat keine Luft mehr. Die Menschen sind zwar freundlich und üben sich in Zynismus und Satire, aber sie wirken langsam, behäbig, müde, traurig. Alles ist unscharf hier, alles unklar. Auf jede Frage zehn verschiedene mögliche Antworten. Auf jede Frage zehn bessere Fragen. Alles ist noch da: Der Mix von schönsten und hässlichsten Häusern, das Meer, der Hafen, die Bars. Und unsere Nachbarn: Sie haben sich gefreut, dass wir zurück sind. Der alte Zeitungshändler verkauft uns jetzt wieder mit einem lieben, aber etwas müden Lächeln den Daily Star. Der Gemüsehändler verkauft uns wieder Tomaten. Er legt immer eine mehr dazu, als wir eigentlich wollen. Und ob ich unsere gigantische Melone nach sieben Wochen noch essen kann, weiss er auch nicht so recht. Der Coiffeur schneidet die Haare jetzt zu Tiefspreisen. Die Frauen aus dem Geschäft bei unserem Eingang sagen noch immer «Grace à dieu», finden aber mittlerweile Nasrallah gar nicht so schlecht. Und. Und. Und. Komischerweise gibt’s hier fast nirgends Nasrallah-Bilder zu sehen – sogar in Dahiye waren es nie so viele, wie etwa Damaskus. Dafür kleben viele Fotos von getöteten Hizbullah-Kämpfern – „Märtyrern“ - an den Mauern. Dafür kursieren hier wieder einmal alle möglichen Gerüchte. Jeden zweiten Tag heisst es, das Benzin sei alle. ... Und dann stehen sie dann plötzlich in langen Schlangen an der Tankstelle. Dann heisst es, ein Teil der libanesischen Regierung habe von Anfang an mit der israelischen und der US-Regierung zusammengearbeitet, damit die Hizbullah endlich ihre Waffen abgeben muss. Und Und Und. Jeden Tag haben wir hier mindestens vier Stunden keinen Strom. Gestern waren es acht. Das ist an sich nicht weiter schlimm. Das Telefon läuft, Internet läuft, Wasser läuft, Gaskochherd läuft.... Nur der Lift halt nicht: 140 Tritte sind es bis zu unserer Wohnung. Aber eben, etwas Bewegung tut uns gut. Wäre das alles hier nicht so eine extreme Sauna.

Keiner hier weiss, was er denken soll. Das Land steht komplett neben den Gleisen, würde man in der Schweiz sagen. Libanon ist komplett aus den Fugen geraten. Am schwierigsten wird sein, den Glauben der Leute an eine Zukunft wieder herzustellen. Im Moment gibt es keine Zukunft. Auch wenn die Sonne wie jeden Abend im Meer versinkt und irgendwo über den Hügeln aufgeht. Auch wenn jetzt ab und zu wieder ein Flugzeug die Stadt anfliegt. Auch wenn jetzt die Franzosen und Italiener und die Südasiaten kommen werden. Auch, Auch, Auch, Auch. Bis vor dem Krieg empfand ich Beirut immer als eine Stadt der krassen Gegensätze, der krassen Farben und Farbtöne. Jetzt ist Beirut eine Stadt der Unschärfe, der undeutlichen Schattierungen. Alles war klar definiert – zu klar irgendwie. Der Süden, die reicheren Beiruter-Stadtteile, das kosmopolitische Beirut, die Hizbullah-Viertel, die Welt der Künstler, die Welt des kleinen Mannes. Jetzt vermischt sich alles. Alle tragen am Schicksal dieses Landes mit. Und doch scheint das Schicksal dieses Landes nur bedingt in den Händen der Libanesen zu liegen. Und doch liegt es in den Händen der Libanesen. Und doch.... Thomas

Wednesday, August 23, 2006

Zurück in Beirut

Die Fahrt war kurz. An der Grenze kaum Verkehr. Unterwegs sahen wir zwei kaputte Brücken. Aber die Umfahrungen waren nicht weit. In Beirut dann war der Kühlschrank nicht soo schlimm. Nur die Terasse schwarz. Wir haben geputzt. Der Fussboden war fast schwarz. Dann einkaufen. Es ist wie Sonntag hier. Die meisten Läden geschlossen. Nur wenige Leute auf der Strasse. Vielleicht ist das nur Achrafieh, haben wir gedacht. Heute Abend gehen wir zu Rana und Nadim. Soweit mal die Kürzerstversion. Wir sind also wieder in Beirut. Wie lange, wird sich weisen....

Sunday, August 20, 2006

Tschüss Damaskus...

Wenn alles so bleibt, wie's ist - relativ ruhig, trotz des "Zwischenfalls" gestern in der Beqaa-Ebene (Thomas spricht von einer unintelligenten "intelligence mission"), fahren wir am Mittwoch morgen nach Beirut zurück. Mal sehen, welche Route die Taxis benützen, eigentlich sollte die Beirut-Damaskus-Strecke offen und befahrbar sein, mit grösseren Umwegen allerdings, wegen all der kaputten Brücken.
Die Zeit hier in Damaskus war recht intensiv. Wir haben eigentlich fast nur gearbeitet... zum Mittagessen um vier Uhr schnell ins Restaurant "Abu Kamal" bei uns in der Nähe, saudisches Kabse essen (Poulet mit Reis und Tomatensauce, lecker...), dann weiter arbeiten oder billige Krimis lesen, um den Kopf und das Hirn etwas zu verlüften. Ein- bis dreimal pro Tag ins Internet-Café, die News und Mails checken. Ab und zu in die Altstadt zum lunchen und Wasserpfeife rauchen.
Das stetige Hin- und Herdiskutieren - Beirut oder Schweiz? Schweiz oder Beirut? - hat mich recht müde gemacht. Ich bin mir natürlich vollkommen bewusst, dass unsere Situation mehr als luxuriös und konfortabel ist, andere können ja nicht auswählen, ob sie gehen oder bleiben oder in die "richtige" Heimat zurückkehren wollen. Bin trotzdem müde.
Und hoffe für alle, dass der Waffenstillstand hält.

Wednesday, August 16, 2006

Hoffen und Zittern

Wir sind noch immer in Damaskus. Und wir arbeiten viel. Anna macht Ihre DRS2 Sendung zu Damaskus fertig - kommt uebernaechsten Samstag auf DRS2. Ich schreibe an meinem Text zu Propaganda-Musik - fuerchterlicher Stoff. Zum Krieg moegen wir im Moment grad nichts mehr sagen. Das Ceasefire ist so fragil, wir wagen es fast nicht, jetzt schon Hoffnungen auf eine bessere Zeit zu haben. Unsere libanesischen Freunde sind auch weiterhin skeptisch. Einige reden davon, dass sich die Shiiten und die Sunniten wie die Pest hassen und dass sehr wohl ein Buergerkrieg losbrechen koennte. Wir koennen und wollen das nicht glauben. Und viele glauben es auch nicht. All die Politiker Libanons wollten dieses Land wieder aufbauen. Kaum einer hat was davon, wenn es jetzt wieder Krieg gibt. 2006 und 1975 sind nicht einfach vergleichbar. Aber eben, was wissen wir schon. ... Vieles ist moeglich. Wir, alle unsere Freunde, und auch unsere Schweizer Freunde, sind erschoepft. Wir allen hoffen und zittern. Thomas

Tuesday, August 15, 2006

Mazen Kerbaj staunt ueber seine Landsleute

despite the warnings from israel against the circulation beyond the litani river, thousands of cars overloaded with people and luggages took the road toward their villages' ruins today, starting 8 am.the stubborness of the lebanese people will remain for ever a rejoicing mystery to me. Mazen Kerbaj (mazenkerblog.blogspot.com)

Ein kurzes Mail von Joelle

I was just thinking about you a minute ago, cause we were watching the news with friends of our. Someone from Dahieh was saying: we know we must keep on having more kids, and raise them all with hatred toward Israel.... I don't know if you will see how this is related, but I told my niece it's like with popular art. You cannot help the masses become better by composing junk stuff for them, and you cannot win the Israelis by learning hatred form them. I'm tired of hate, it only leads to more hate, and junk to more junk. Some individuals must dare, with all their love and not snobism, break the cirlce.

Monday, August 14, 2006

WEBSTREAM AUS BEIRUT

Nat Muller - die holländische Freundin von uns, die vor drei Wochen auch aus dem Libanon raus ist - hat vorgestern eine superspannende Web-Veranstaltung in Amsterdam organisiert. Unbedingt auf http://beirut.streamtime.org/ den Webstream runterladen und anschauen. Mit Videoauschnitten von KünstlerInnen aus Beirut, mit Gesprächen mit Tarek Atoui, Mazen Kerbaj, Charbel Haber und vielen anderen. Auch Anna sagt was zur Situation in Damaskus. Ein sehr gelungenes Projekt, wie ich finde. Thomas

Waffenstillstand - und jetzt?

So, der Waffenstillstand ist da. Ob er eingehalten werden kann, ist fraglich. Die Beirutis sind sehr sehr skeptisch. Ich habe grad mit Rana Eid telefoniert. Sie traut der Stille nicht, die jetzt in der Stadt herrscht. Wir haben provisorisch schon mal einen Flug in die Schweiz reserviert. Am Freitag 25.8. Aber wir können ihn immer wieder verschieben – Open Ticket. Wenn’s bis Ende Woche aber still bleibt in Beirut, dann fahren wir wohl wieder hin. Ich versuche, die MusikerInnen in Beirut per Skype zu erreichen. Irgendwie klappts nicht. Die Mobile-Verbindungen brechen immer wieder ab. An Skype liegt’s glaub ich nicht. Ich sitze immerhin im schnellsten Internetcafe von Damaskus – und ich kann sagen, wir haben einige Cafes ausgecheckt. Ich schreibe später weiter .....

Saturday, August 12, 2006

Wir glauben an nicht mehr viel, aber wir hoffen.

So, die UN-Resolution ist draussen. Jetzt warten wir mal ab. Und hoffen, dass sie auch in Kraft tritt. Nasrallah scheint clever zu sein. Er wird die Resolution nicht brechen; wahrscheinlich will er der Welt seine zivilisierte Seite zeigen. Er glaubt wohl, so in Zukunft am meisten profitieren zu koennen. Die Israelis hingegen kaempfen weiter wie Haudegen drauflos. Sie haben ihre Truppen in Suedlibanon verdreifacht. Und sie werden sich und ihrem Image mehr und mehr schaden, wenn sie nicht langsam vernuenftig werden. Wir hoffen hier in Damaskus aber einfach nur eines: Schluss mit den Bomben, Schluss mit dem Krieg. Wir glauben an nicht mehr viel, aber wir hoffen ....

Friday, August 11, 2006

SENDEPAUSE

Die Diskussionen in New York ziehen sich hin. Die Russen wollen einen eigenen Weg einschlagen. Die Franzosen und die USA sind sich einig. Die Franzosen und die USA sind sich uneinig. ... Wir alle warten, Liebe Herren der Runde.

BRIEF DES MUSIKERS RABIH ABOU-KHALIL

Heute hat uns dieser Brief des libanesischen Musikers Rabih Abou-Khalil erreicht.

Eine Antwort an die Gebete der amerikanischen Aussenministerin

Von Rabih Abou-Khalil (Musiker und Komponist)

"Im Juli habe ich meine Tochter in den Libanon geschickt, zu meiner Familie. Von deren Liebe und Fuersorge umgeben, sollte Nayla eine frohe Zeit in den Bergen des Libanon erleben. Das war als eineArt von Belohnung gedacht, denn sie hat gerade das Bakkalaureat an der Internationalen Schule von Muenchen absolviert. Obwohl die Kosten dieserAusbildung eigentlich zu hoch waren fuer mich, war es mir ueberaus wichtig, sie dorthin zu schicken. Ich lege grossen Wert darauf, dass sie Toleranz lernt, dass sie die Welt in all ihren Farben und Schattierungen, mit all ihren politischen Tendenzen und Rassen, mit all deren Traditionen und Gepflogenheiten kennen lernt. Sie plant nun, fuer ein Jahr nach China zureisen, um zu lernen, Hilfsprojekte zu organisieren.

Nayla fuehlt sich heute verfolgt von den Bildern toter Kinder, Frauen und Maenner, begraben unter Schutt und Asche, verbrannt bis zur Unkenntlichkeit, von verzweifelten Menschen, um die man trauern muss, weil ihnen ihre Allerliebsten und auch noch die Heimat genommen wurden, von Bomben, die vom Himmel auf dicht bevoelkerte Gebiete herunterhageln, ohne Ruecksicht auf jedeMenschlichkeit. Es scheint Rechtfertigung genug, darauf hinzuweisen, dass nicht der Taeter der Schuldige sei, nein, schuldig ist derjenige, der einen Grund geliefert hat, diese Taten zu begehen. Dieses fadenscheinige Argument haette wohl vor keinem Gericht der zivilisierten Welt Gerechtigkeit. Sie hoerte, wie die amerikanische Aussenministerin dem christlichen Patriarchen von Libanon versicherte, taeglich fuer den Libanon zu beten, und dann eiskalt davon spricht, dass das Morden noch nicht aufhoeren kann, zumal diese Auseinandersetzung nicht von Dauer sein wuerde - als hielten die Vereinigten Staaten die ganze Angelegenheit nicht selbst in den Haenden ... Meine Tochter sah nun eine Welt, die sich duckt, anstatt Widerstand zu leisten, wo doch deren eigene Erklaerungen zur moralischen Ueberlegenheit der Demokratie derart Luegen gestraft werden.

Fast eine Million Libanesen sind auf der Flucht vor dem Bombenregen, sie haben all ihr Hab und Gut verloren. Eine Million - der gesamte Libanon ha tnoch nicht einmal vier Millionen Buerger! Ihre Doerfer werden jetzt von Bulldozern niedergewalzt. Bis jetzt sind es um die 30 und es werden immer mehr! Siedlungen, die in Jahrhunderten zusammen gewachsen sind, denkmalschutzwuerdige alte Doerfer, keine Zeltlager, wie man vielleicht meinen koennte.

Gegen wen kaempfen diese Machthaber in Israel ueberhaupt? Die Zerstoeung trifft in erster Linie die zivile Infrastruktur des gesamten Landes. Die Opfer sind hauptsaechlich unschuldige Zivilisten. Ich habe immer jenen heftig widersprochen, die - um ihre Mitschuld zu schmaelern - sich anschickten, den millionenfachen Judenmord durch das Naziregime zu relativieren oder zahlenmaessig zu verkleinern, als koennte man Leid und Intoleranz quantifizieren. Heute lese ich auf der Internetseite der israelischen Tageszeitung "Jediot Achranot", dass bei einem Raketenangriffauf ein suedlibanesisches Haus nicht etwa 50, sondern in Wirklichkeit "nur"28 Kinder gestorben seien; die zusaetzlichen seien zum Zwecke derHetzpropaganda von der Hisbollah aus anderen Gebieten dort hingekarrtworden. Ist denn das die Moeglichkeit? Wird denn nun keiner entruestet widersprechen? In den Truemmern der Doerfer liegen noch immer unzaehlige Leichen. Leichen, von denen man moeglicherweise im Nachhinein mit leicht verschoenter Betroffenhei tsprechen wird. Man haette frueher eingreifen sollen, wird es heissen. Wird dieWelt morgen vom Libanon wie vom Kosovo oder von Bosnien sprechen? Aber dort wurde immerhin der Versuch unternommen, die Kriegsverbrecher anzuklagen und zu verurteilen.

Meine Tochter Nayla habe ich aus Zypern zurueckgeholt, sie ist nun in Sicherheit. Die im Libanon Zurueckgebliebenen sind es nicht. Das Land stirbt. Was macht die Welt? Wird sie sagen: "Wir haben von nichts gewusst?"

(Rabih Abou-Khalil)

Thursday, August 10, 2006

ZEIGT KRIEGSKRITISCHE TEXTE, VIDEOS UND MUSIK AUS ISRAEL UND LIBANON

Die Welt spielt verrückt. London Heathrow für eingehende Flüge geschlossen. Israel fordert Bewohner von vier Quartieren in Beirut auf, ihre Häuser zu verlassen. Israel droht, jeden Lastwagen zu bombardieren, der auf der Küstenstrasse fährt – ob im Norden oder im Süden des Landes. Hilfslieferungen an Zivilisten werden nicht durchgelassen. Öl fliesst ins Meer. Viele unserer libanesischen Freunden überlegen sich jetzt endgültig, dass Land zu verlassen. Aus New York, aus dem UN-Sicherheitsrat hört man seit Tagen kaum mehr was – nur noch Gerüchte. Wie mag es weiter gehen: Israel bombardiert Beirut. Hizbullah trifft Tel Aviv. Israel marschiert mit 30'000 Mann in Südlibanon ein und erleidet massive Verluste. Zivilisten in Libanon sterben und verhungern. Syrien wird durch irgendeinen Querschläger in den Krieg hineingezogen. Iran unterstützt Syrien. Libanon wird komplett zerstört, so wie es Israel schon am ersten Tag dieses schwachsinnigen Krieges prophezeit hat: «Wir werden Libanon zwanzig Jahre zurück bomben.» Israel fragt die Welt um Unterstützung. Der dritte Weltkrieg bricht los? Und das alles wegen zwei entführten Soldaten, für die sich Israel scheinbar schon länger nicht mehr wirklich interessiert. Oder: Es geschieht ein Wunder! Und der UN-Sicherheitsrat trifft eine einigermassen akzeptable Entscheidung. ...

Anna und ich haben gestern den halben Tag mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde von Damaskus verbracht. Wir haben zwei wunderschöne Synagogen in der Stadt besucht. Die Gemeinde zählt nur noch 40 Leute. In den 90er Jahren sind Tausende ausgewandert. Der syrische Staat gab ihnen die Garantie, dass sie jederzeit wiederkehren dürften. Das Hauptproblem der Gemeinde ist, dass es kaum jüdische Frauen mehr gibt in Damaskus, und so die Männer nicht heiraten können. Auch an Geld fehle es. Es komme seit kurzem auch kaum mehr Geld aus den USA. Sie wollen aber in Damaskus bleiben, sagen uns die Gemeindemitglieder: Wegen den Synagogen. Wer würde sonst zu den Synagogen schauen? Es war ein wunderschöner, ein äusserst spannender Nachmittag. Wir haben Kerzen angezuendet und uns eine bessere Welt gewuenscht. Die Leute in Damaskus wüssten, dass sie Juden sind, sagte uns der Gemeindevorsteher am Schluss noch. Sie bräuchten sich hier dennoch nicht zu verstecken.

Auf dem Weg zurück hat uns dann die Realität wieder eingeholt. Kinder schmissen Steine gegeneinander, in einer Gasse. Sie schmissen nicht gegen uns, aber unangenehm war’s trotzdem. An immer mehr Orten liegen jetzt Israel Flaggen am Boden, die man sorgfältig umgehen muss – ich laufe doch nicht über Flaggen! Ein bisserl Niveau haben wir noch! In einer Gasse haben Kinder mit Kreiden x Davidsterne auf den Boden gezeichnet. Und kurz vor neun hört die ganze Stadt jeweils die Ansprachen von Nasrallah. Eine komische Stimmung. Aus jedem Haus, jedem Laden, hört man Nasrallah reden. Die Leute gruppieren sich vor dem Radio oder vor dem Fernseher und hören ruhig zu. Ob die Leute auch Angst haben, dass der Krieg nach Syrien kommt? Wir wissen es nicht recht ... Unser Hausbesitzer Nauman rechnet damit. Der Handwerker, der heute in Naumans Haus Fliegengitter installiert hat, meint aucn, dass es auch in Syrien losgehen koennte. Die Armee habe sich an der Grenze aufgestellt. Sie sei bereit. Andere glauben nicht an eine Ausweitung des Krieges. Keiner weiss, wie es weitergehen soll.

Am Abend haben wir dann wieder diskutiert und diskutiert. Wie weiter? Was weiter? Zurück in die Schweiz? Wenn ja, wann? Weiter recherchieren, zu den jüdischen Gemeinden in Syrien? Plus eine Recherche zu Dabké-Musik und Kriegspropaganda? Wahrscheinlich bleiben wir noch zwei Wochen. Und dann fliegen wir in die Schweiz. Oder – falls ein Wunder eintrifft – fahren wir zurück nach Beirut.

Es kommen jetzt auch immer mehr Anfragen rein. Könnten wir nicht eine Aktion planen? Was könnten wir in der Schweiz/in Deutschland machen, um unsere Stimmen für den Frieden zu erheben? Mir fehlt allmählich die Kraft, muss ich gestehen. Ich gebe liebend gerne Kontakte in Beirut weiter, aber ich kann die Veranstaltung nicht organisieren. BITTE SCHICKT UNS LINKS ZU WEITEREN BLOGS UND WICHTIGEN WEBSEITEN, DIE IHR KENNT. WIR WOLLEN DIE LINKLISTE AUF UNSEREM BLOG VERBREITERN. Die Beiruti selber sind immer schwieriger zu erreichen. Eigentlich möchte ich folgendes vorschlagen: Macht nicht zu komplizierte, zu exklusive Veranstaltungen. Sammelt Aussagen von Blogs und von journalistischen Texten, stellt sie zusammen und aus. Sammelt Videos und Tondokumente aus dem Kriegsgebiet – viele Künstler stellen im Moment Videos ins Netz. Spielt Musik von den MusikerInnen. Wir können das alles von Damaskus aus fast nicht tun. Die Internetverbindungen sind einfach zu langsam... WICHTIG: Schaut nicht nur auf die libanesische Seite. Sucht Blogs, Texte, Videos, MP3 aus den linken, humanistischen, kritischen Szenen in Israel – vielleicht wäre das fast noch wichtiger! Setzt auf die spannenden Köpfe auf beiden Seiten! Und verurteilt die Kriegsgurgeln: Israel und Hizbullah! Thomas

Urgent: Leaflets on beirut, asking the residents of Shiah, Bourg el Barajneh and Hay el Sellom to leave

Hey tom we r ok. they should stop this war cause its getting too much no gas no work its hell. hope to see u soon bro take care

sms Garo von der Death Metal Band Weeping Willow

Garo arbeitet in der Instrumenten-Abteilung des Virgin Mega Stores in Downtown Beirut. Der Laden ist geschlossen.

Hayaf will auswandern

Ich habe ein Mail von Hayaf erhalten. Er will ev. Libanon verlassen. Sieht keine Zukunft mehr ... Es ist einfach nur traurig, und schockierend

i am fine "jusqu'à maintenant", but i dont know what is my position tomorow, we live in Lebanon day by day, withowt thinking, without strategic,... realy, i dont know how we live.
may be you will see me in Syria, because i am thinking to leave this beautiful contry.
sorry dear,
but my students, my music, and all what i was doing, there must continued, in this contry, or in other contry, and i work for this with all my capacity (sorry abowt my bed english).
thanks for your messages, and mails, realy, i feel, that i live in anothor time, i cannot do somethings in this time, and in this country, tell mesome idea my friend, what i must doing? realy i dont khow...
so,
let speek know abowt my students, they are good, and love this music, and what to continued with me in this style of music, realy realy, they are the big parts of my live.
i will send you some news pictures....
i feel, that i will see you soon, lets hope, and i am good and fine "inchallah" in all time,
your's Hayaf

Leuchturm im Zentrum von Beirut getroffen! Jetzt koennen wir nur noch beten, dass Hizbullah nicht Tel Aviv trifft!

FLUEGBLAETTER IN NORDLIBANON

Israel nimmt sich heraus, ganz Libanon zu kontrollieren. Jeder Lastwagen, jeder Pick-Up wird bombardiert. Und Erdoel laeuft weiterhin ins Meer. Und die Welt schaut zu.

Die neuesten Flugblaetter vom "State of Israel", abgeworfen an der syrischen-libanesischen Grenze im Norden. "Any pick-up or truck of any kind moving on the coastal road as of 8pm. (1700GMT) will be attacked because it is suspected of carrying rockets, military hardware and saboteurs. "You must know that anyone who moves in a pick-up or truck is endangering his life."

Wednesday, August 09, 2006

Reuters: Israelische Statistik

"A Tel Aviv University poll showed 93 percent of Israelis believed the campaign in Lebanon was justified, and 91 percent backed the air strikes even if they destroyed Lebanese infrastructure and inflicted suffering on civilians."
Bleibt nur zu hoffen, dass die Statistik falsch ist oder es sich um eine Falschmeldung handelt... Wake up! Wenn hier etwas erreicht wird, dann dass Libanon wirklich zu Hizbullahstan wird angesichts der andauernden massiven israelischen Reaktion und der schlafenden Weltgemeinschaft.
Nun ja, eine aehnliche Umfrage einer libanesischen Uni wuerde wohl vergleichbare Resultate liefern, mit der umgekehrten Frage...

DIE UN-RESOLUTION BROECKELT ... US WILL KEINE KONZESSIONEN


Nearly 1,000 people, most of them civilians, have been killed in the conflict, the Lebanese government has said. More than 100 Israelis, most of them soldiers, have also been killed. (BBC)

(BILD: mazenkerblog.blogspot.com)

Tuesday, August 08, 2006

Help Stop the Bloodshed in the Middle East - Sign Petition!

Dear friends,
Right now a tragedy is unfolding in the Middle East. Hundreds of civilians have died in the bombings in Lebanon, Israel and Palestine and the death toll is rising every day. UN Secretary General Kofi Annan has called for an immediate ceasefire and UK Prime Minister Tony Blair has joined Annan in calling for the deployment of international troops to the Israel-Lebanon border. This is the best proposal yet to stop the violence, but for it to succeed other global leaders need to get behind it immediately. I have just signed a petition urging regional and global leaders to speak out and support Kofi Annan's proposal. If people around the world can persuade their governments to unite in demanding a ceasefire, all sides in this conflict will be pressured to stand down. Can you sign the petition too?
http://www.ceasefirecampaign.org
The petition will be sent to key regional and global leaders and publicized in major newspapers in the Middle East, US and Europe. With enough signatures we can help pressure our leaders to stop the violence.
Thanks!

Monday, August 07, 2006

Hello how r u? We r all fine I am going to work everyday we hope u can come next week kisses to anna from the warm sunny lebanon

SMS Rita

Hey Thomas. Thanks for your message. .. We are ok so far. I doubt they ll come to results. It will get worse. If I was u.. I leave to Switzerland.

SMS Mohammad H.

I dont know what I want to say, hope to finish this war

SMS Haiaf

Haiaf hat mir vor ein paar Tagen ein langes Mail geschrieben. Er ist sehr aktiv im Moment. Er lasse sich nicht unterkriegen, schreibt er. Mit seinen Schülern erarbeitet er ein Lehrbuch zur arabischen Musik. Er wird mit ihnen auch eine CD aufnehmen und ein Konzert organisieren. Hier zwei Bilder seiner Schueler. Thomas

We miss you too! You being here means there’s lot going in the country, which means it’s healthy! The sooner you can come , the better. Peace!

SMS Raffi GQ Feghali

Thank U Thomas. Let’s hope. Talke care. All the best. Pierre

SMS Pierre

Pierre ist einer der wichtigsten Kulturjurnalisten und Intllektuellen in Libanon. Er ist Kulturredaktor der Zeitung Al-Hayat und gibt seit einiger Zeit ein Kulturmagazin „Zawaya“ heraus. Ich hätte eigentlich in der neuesten Ausgabe einen Text zu Rap in Algerien drin gehabt. Jetzt verzögert sich alles.

Thank you Thomas. Ich hoffe es auch Aber man weiss nicht, wenn dies enden muss. Auf Wiedersehen.

SMS Victor

FRUST, FRUST, FRUST

Heute ziehe ich meinen Frusttag ein. Ich mag nicht mehr warten. Ich will in die Ferien. Ich möchte mit einem Auto von New York nach Los Angeles fahren und endlich mal die USA sehen. Ich möchte in Kanada sein, den frischen Wind am Saint Laurent Strom fühlen und Wale beobachten. Jetzt wäre grad Saison. Ich mag nicht mehr warten. Diese Hitze hier geht mir auf den Geist. 40 Grad am Tag sicher. Wir sitzen in unserem Zimmer, tagein tagaus. Gegen elf Uhr früh müssen wir Türen und Fenster schliessen, sonst kommt die Hitze rein. Wenn Du aus dem Zimmer raus gehst, dann erschlägt dich die Hitze fast. Wie ein Messer wartet sie vor der Tür und schneidet dir den Schnauf ab. Jeden Tag, befürchte ich, wird unser Zimmer um ein halbes Grad wärmer. Eigentlich ist das Zimmer schön kühl, aber eben immer weniger. Unsere Zeit hier muss langsam ablaufen, denke ich. So kann’s nicht weitergehen. Ich will mich bewegen, ich will was tun. Jeden Morgen gehe ich zum Bäcker und kaufe zwei frische Fladenbrote. Manchmal nebenan zwei Eier. Dabei muss ich brutal aufpassen, dass ich nicht vom britisch-palästinensischen Lawrence of Arabia, Zeid, gesichtet werde. Zeid war schon im Frühling da – Jürg, Martin und Karin können ein Lied von ihm singen. Jetzt ist er bis September da, und bis jetzt haben wir es geschafft, ihm aus dem Weg zu gehen. Zeid, ist ein Spinner, der aussieht wie Obelix aber in arabischer Tracht. Er liebt Europäerinnen – Anna ganz besonders - und die Altstadt, und er feilt immer wieder die Einheimischen an, wenn sie zum Beispiel eine Neonröhre aufgehängt haben oder so. Wenn man ihn am Hals hat, bringt man ihn nicht mehr los. ... Anyway. Fast hätte ich es vergessen, auf dem Weg zum Bäcker checke ich natürlich kurz meine Mail und lese kurz auf BBC, Haaretz und Dailystar die neuesten News. In der Mailbox, und auch bei den Blog-Kommentaren oft gähnende Leere (Die Schweizer machen wohl alle Ferien oder liegen irgendwo in der Badi, denke ich dann. Die Schweiz schläft. Oder: Die Schweiz will einfach nichts mehr vom Krieg hören, wie meine Mutter mal gesagt hat.) Danach essen wir, und dann ab ins Zimmer. Zur Zeit arbeite ich an einem Text zu Kriegsmusik in Libanon – Politikmusik, Propaganda-Musik, neueste Hizbullah-Musik. (Ich habe die neuesten CDs mit Hizbullah Musik und Reden von Nasrallah gekauft.) Einfach zum kotzen. Ich komme nicht vorwärts. Anna arbeitet an ihrem 1-stündigen DRS2 Beitrag über Damaskus. Immer mehr lesen wir einfach nur Krimis und tauchen in andere Welten ein. ... Die Schildkröte in unserem Innenhof, die mich vor einer Woche in den Zeh gebissen hat, habe ich auch schon ne Weile nicht mehr gesehen – sie brachte wenigstens etwas Abwechslung. Jetzt versteckt sie sich im Schatten irgendwo. ... Ich will im Sporting Club in Beirut ins Wasser springen. Ich will in kaltes Wasser eintauchen. Ich will schwimmen. Thomas


PS. Gestern haben wir in unserem schönen Innenhof Fastfood gegessen, mit Nauman und Diana. Ein schöner Kontrast fand ich. Kultur und Trash. Fast-Food in Syrien.

VIDEOBOTSCHAFTEN AUS BEIRUT - WATCH IT!!!!!!!




Unsere Freundin Rhima Kheiche und andere schicken Videobotschaften aus Beirut: Siehe
http://www.beirutletters.org/

Sunday, August 06, 2006

Brief an den Okzident

Prolog

Lieber Okzident, hier im Orient gibt es kluge, intelligente, sympathische, warmherzige, nette Menschen zuhauf. Es gibt auch Trottel, Deppen, Arschlöcher, Verbrecher und Fanatiker. Wie bei uns im Okzident auch. Jeder und jede, die den Orient mal besucht hat, kann dies bestätigen – bitte im Kommentar.

UN-Resolution

Wenn ich heute auf BBC, Reuters, Haaretz und Daily Star online über den Entwurf der neuen UN-Resolution lese, bin ich nicht nur wütend und möchte in eine Mauer kicken, ich sehe auch, dass du – lieber Okzident – nur dich selber siehst. Nicht die klugen, sympathischen, warmherzigen, netten Menschen hier, kaum die Trottel, Deppen, Arschlöcher und Verbrecher hier, nur die Extremisten. Israel und Bush sagen, sie seien sehr glücklich über diese UN-Resolution; der libanesische Premierminister Fouad Sinora hingegen betont, dass in der Resolution kein einziger Punkt der libanesischen Regierung berücksichtigt worden ist. Israel wird Südlibanon wieder besetzen (wie zwischen den 80er Jahren und 2000). Und wenn es von Hizbullah in Südlibanon angegriffen werden sollte, so darf es sich wehren. Hizbullahs Hauptaufgabe ist seit jeher, die israelische Besetzung des Südlibanons zu bekämpfen (bis vor diesem Krieg waren nur noch die Shebaa-Farmen unter israelischer Besatzung). Mit der neuen Resolution und der erneuten Besetzung Südlibanons gibt die Welt Hizbullah neues Gewicht, eine grössere Aufgabe, eine neue Existenzberechtigung – die Entwaffung der Hizbullah wird so vermutlich weiter herausgezögert. Es wird wohl wieder zu einem Südlibanon-Krieg kommen, bis dann irgendeinmal internationale Truppen die israelische Armee ersetzen werden – wie Hizbullah auf die Internationalen Truppen reagieren wird, ist eine andere Frage, an der ich mir hier nicht die Finger verbrennen möchte. Die neue UN-Resolution entsteht auch darum, weil Israel und die USA (und wahrscheinlich auch andere) schlicht behaupten, Hizbullah würde einen Waffenstillstand sowieso nicht einhalten. Die Begründung ist einfach: Man hat es mit einer Terrororganisation zu tun, und eine Terrororganisation kennt nur das Gesetz der Waffen. Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass diese Begründung stimmt. Nasrallah ist ein übler Kerl und ein radikaler Politiker. Man kann aber mit Nasrallah reden, man kann mit ihm verhandeln. Genau das will aber keiner tun - weil es nichts zu verhandeln gibt? Weil Israel und die USA sowieso keine Konzessionen machen wollen? Weil man ja nicht über Palästina und Shebaa-Farmen diskutieren will? So verstecken sich Israel und die USA hinter der Floskel, Terroristen kennen nur Waffengewalt. Möglichst keine politisch heiklen Fragen ansprechen ... Gleichzeitig lässt man Hizbullah nur eine einzige Möglichkeit offen, ihre Ziele zu erreichen. Gewalt, Guerilla-Krieg - eigentlich will man ja Gewalt und Krieg verhindern im Nahen Osten, sagt man. Wenn Israel schon nicht diese unnützen und unwichtigen Shebaa-Farmen zurückgeben will (die beste Lösung für eine Beendigung dieses Krieges), so sollte die neue UN-Resolution doch wenigstens für einen uneingeschränkten Waffenstillstand einstehen - mit Israel zurück in Israel. Danach könnte man abwarten, was geschieht. Beim Bruch des Waffenstillstandsabkommens würde man jene Kriegspartei verurteilen, die diesen Waffenstillstand nicht eingehalten hat. Vielleicht würde es zu einem neuen Krieg kommen... aber man hätte es wenigstens versucht. Waffenstillstand plus israelische Besetzung des Südlibanons kann aber nicht funktionieren - und das wissen sowohl die Israeli wie auch die USA wie auch der UN-Sicherheitsrat. Diese UN-Resolution birgt im Gegenteil grosse Gefahren. Andere libanesische Gruppierungen könnten stärker dazu übergehen, Hizbullah im neuen Befreiungskampf zu unterstützen. Die libanesische Regierung könnte wieder gespalten werden, und der sehr sachliche und differenzierte Premierminister Fouad Siniora, der aus meiner Wahrnehmung ein Symbol für einen kontinuierlichen und nicht vorschnellen Wiederaufbau Libanons war/ist, wird viel an Einfluss verlieren. Die alten Clan-Leader werden wieder grosse Reden schwingen, und wie es dann weiter geht, ... keine Ahnung.

Epilog

Viel schlimmer als all diese politischen „Ränkeleien“ und "Abscheulichkeiten" sind die Auswirkungen dieser UN-Resolution und einer solch einseitigen Weltpolitik auf eben die klugen, intelligenten, sympathischen, warmherzigen und netten Menschen, und auf die Trottel, Deppen, Arschlöcher und Fanatiker in dieser Region. Sie alle fühlen sich wieder einmal von der Welt verraten. Sie alle sehen, dass ihre Stimme, ihre Meinung nicht gefragt ist. Sie alle sehen, dass sie Weltbürgerinnen und Weltbürger zweiter Klasse sind. Sie alle sehen, dass sich Israel über Jahrzehnte hinweg über Un-Resolutionen hinwegsetzen und im gleichen Atemzug UN-Resolutionen nach ihrem Gusto fabrizieren kann. Sie sehen die US-Politik im Irak. Sie sehen, wie Israel um die Westbank eine Mauer baut, sie sehen, wie die Welt zuschaut. Lieber Okzident, du schaffst Dir Deine Terroristen selber (und Du weißt das auch). Je mehr Du den Orient unfair behandelst, desto mehr kluge, intelligente Menschen werden Organisationen wie Hizbullah toll finden. Organisationen, die gegen das Unrecht mit Waffengewalt ankämpfen - man will ja nicht mit uns reden. Unsere Freundin Reem hat gestern voller Freude erzählt, wie Nasrallah in seinen Reden Olmert und andere Weltpolitiker aufs Korn nimmt. Sie, ganz Damaskus, ganz Syrien, die ganze arabische Welt habe(n) sich über die Witze Nasrallahs gefreut und sich köstlich amüsiert. Es ist eine Art Galgenhumor, über den die Menschen hier lachen. Der Humor der Gedemütigten, der Humor der WeltbürgerInnen zweiter Klasse. ... Wie ich heute morgen von dieser neuesten UN-Resolution gelesen habe, da konnte ich zum ersten Mal im Keim nachvollziehen, wie einer zum Terroristen werden könnte. Keine Angst, ich werde nie Gewalt gutheissen. Ich verspürte eine solche Wut über meine erste Welt und empfand diese Resolution als eine so ungeheuerliche Frechheit. Ich beginne zu verstehen, dass in Menschen, die solche Enttäuschungen und derartige Demütigungen gegenüber ihren Heimatländern seit Jahrzehnten immer wieder ertragen und verarbeiten müssen, ein ungeheuerlicher Hass entstehen kann. Und zwar bei Menschen wie du und ich, bei Menschen, die nicht per se nationalistisch veranlagt sind, bei Menschen, die ihre politischen Führer eigentlich nicht unterstützen.

Ich kanns nur wiederholen: Man muss auch mit den vermeintlich Bösen – mit Iran, mit Syrien, mit Hizbullah – das Gespräch suchen. Nur so kann man dem Hass Einhalt gebieten, nur so kann man verhindern, dass auch die klugen, intelligenten, sympathischen, warmherzigen und netten Menschen des Orients anfangen, Terrororganisationen zu unterstützen und Gewalt als einzige Möglichkeit sehen, gegen Unrecht in dieser Welt anzukämpfen. Thomas


PS. Zwei Statements aus den heutigen Online-Medien

Dailystar, Englisch sprachige libanesische Zeitung:
"One of the two Hezbollah ministers in the Lebanese government, Mohammed Fneish, said: "When the Israeli aggression ceases, very simply, we will stop (fighting) on condition that no Israeli soldier remains inside Lebanese land." But Israeli Tourism Minister Isaac Herzog said on behalf of the government that "the army will continue to act" until the resolution entered into force."

BBC LESERBRIEF

"The hatred for each other, between the Jews and Arabs in the region, is so deep that even an UN resolution may not help." Diese Aussage stimmt schlicht und einfach nicht. Sehr viele Menschen im Nahen Osten differenzieren zwischen Politik und Menschen. Gerne wuerde ich mal eine grosse Umfrage zu dem Thema sehen.

Saturday, August 05, 2006

Abeds Libanon Fahnen

Wir sitzen wieder in Abeds Internet-Cafe. Abed will die erste unabhaenige Kurzfilm-Produktionsfirma in Syrien gruenden. Er hat Journalismus studiert, dann ein Jahr beim syrischen Fernsehen gearbeitet. Dort hat es ihm aber nicht sonderlich gefallen. Mit seinem Uni-Professor hat er im letzten Jahr eine Webseite Freedom of Speech in Syrien aufgebaut. Vor Abeds Internetcafe findet man die einzigen Libanon Fahnen ueberhaupt. Zwei an der Zahl. Dazwischen liegt ein Buch, in das Vorbeigehende ihre Gedanken zum Libanon-Krieg hineinschreiben koennen. Eine schoene Idee, eine schoene Geste. Besser als bei den Laeden etwas weiter vorne, wo man ueber israelische Flaggen gehen muss - die Gasse ist so schmal, man kommt nicht um die Flaggen herum. Abed aergert sich fuerchtlich ueber die Typen, die diese Idee hatten. Er muss jetzt immer eine Umweg gehen, damit er in den anderen Teil der Alstadt gelangen kann. Er gehe sicher nicht ueber Flaggen. Menschen werden irgendwo in dieser Welt geboren. Er habe nichts gegen Israelis. Man muss zwischen Menschen und Politik unterscheiden. ... Es tut gut, Abed reden zu hoeren. Ein gescheiter, etwas schuechterner, aber ambiotionierter junger Mann. ... Aehnlich wie Mazen Kerbaj, mit dem ich so viele lange Diskussionen gefuehrt habe in den letzten Monaten und letztes Jahr. Meistens ueber Musik, dann aber auch ueber seinen Sohn, ueber Freundschaft, ueber alles moegliche. Heute hat Mazen wieder einmal einen so schoenen und treffenden Eintrag auf seinem Blog (mazenkerblog.blogspot.com) aufgeschaltet:

to an israeli interviewer
You have called me today to request an interview for an Israeli newspaper. Here is my answer.you want to interview me about the music we are keeping going in beirut today.in other times, i would have liked to be interviewed by an israeli newspaper to talk about my music and my drawings. i would have probably said for a start that i never imagined the israeli people like green people with antennas. i would have talked about the free jazz and the improvised and experimental music scene in lebanon. i would have said that beirut is most probably the closest city in the world to tel aviv and that the musicians and artists of both cities have a lot in common. at least the weather, not to speak about the mediterranean way of life and the high concentration of intellectuals, artists, thinkers and free men in both cities.today that i have the occasion to say whatever i want, i do not wish to do so. today, instead of playing music with my friends musicians in Beirut and in the whole world, i am playing with the israeli air force. and this, i do not accept. today, i sadly do not feel we have the same weather anymore. beirut is getting hotter every day. and this, i do not accept.today, i am beginning to believe that there is not so much free men in israel. i tend to think more and more that the majority of the israelis are really green with antennas on their heads. and this, you shouldn't accept.today, i do not wish to speak anymore.thank you for listening to this “nothing” i ended up by saying.


Genau hier liegt die Gefahr. Anna und ich kennen sooo viele Menschen hier, die nichts gegen Israelis haben. In Amsterdam war ich letztes Jahr an einer Konferenz, an der die israelische und die Beiruti Soundszenen aufspielten. Die Kuenstler tauschten sich aus, einige standen danach in Email-Kontakt, tauschten MP3-Files aus. Diese Hardliner-Politik droht all dies auszuloeschen. Neben den so vielen Menschen, die zu viel getoetet werden, ist es vor allem der Glaube an eine bessere Welt, der Glaube an Kommunikation, der Glaube an Diskussion, der mit den Bomben vor die Saeue zu gehen droht ... Ich suche seit Tagen, jetzt drei Wochen schon, nach einer Idee. Nach einer Idee, wie man irgendwie erreichen koennte, dass differenzierte Sichtweisen, "weiche" aber kritische Ansichten, das Ruder der Welt uebernehmen koennten. Ich weiss, ich bin nicht der einzige, der nach Ideen sucht. Und ich weiss, dass meine Worte, wenn ich jetzt weiterschreiben wuerde, schwammig und unklar werden. Ich weiss, dass ich irgendetwas "falsches" oder "unkorrektes" schreiben wuerde. So dass jemand denken wuerde, "der ist ja so utopisch", oder, "das ist doch einfach ein netter, naiver, kulturrelativistischer Ethnologe". Anna hat auf ihren Beitrag zu Christen in der Bekaa-Ebene einen Kommentar abgekriegt, in dem steht, "sind Christen denn bessere Menschen als Muslime?" Sicher nicht! Was soll das? Wir schreiben hier spontan, wir schreiben schnell, wir schreiben uns den Frust ueber diese Region und ueber diese Welt aus der Seele. Ich lese meine Texte nicht mehr durch, wenn ich sie mal geschrieben habe. Darum gibt es auch immer wieder Fehler. Fehler, Fehler und Fehler. Wie kann man Menschen erreichen und was veraendern? Man muesste an die Emotionen appelieren und gleichzeitig sehr scharfsinning und kritisch sein. Individuelle Geschichten mit Weltpolitik verknuepfen. Von dieser und der anderen Seite sprechen. Und gleichzeitig nicht alles gut finden. Wie kann Weltpolitik Freundschaften zerstoeren und Menschen auseinander treiben! Wie koennen persoenliche Beziehungen wegen politische Utopien (oder politischem Irsinn) aufgeloest werden! Das ist was wir nicht zulassen duerfen! Wir muessen am differenzierten Bild festhalten ... denn Menschen sind Menschen ueberall. Und so unterschiedlich sind wir nun alle auch nicht ..... (ach ich weiss auch nicht, meine Saetze aergern mich schon wieder. Ich irre herum, finde den Faden nicht.... Thomas

Fruehstueck an der Grenze

Jetzt wurden wieder ein paar weitere Bruecken zerstoert. Diesmal im Norden. Damit wird die Ein- und Ausreise jetzt auch ueber die Nordgrenze wieder schwieriger - ueber die Grenze, ueber die wir jetzt vor schon drei Wochen raus sind. Nahe der syrisch-libanesischen Grenze gab es wieder ueber zwanzig Tote - viele darunter syrische Kurden. Auch wir waren heute morgen in der Naehe der libanesischen Grenze. Wir haben mit Diana, ihrer Mutter und ein paar Freunden in den Bergen in einem Restaurant ausgiebig gefruehstueckt. Es war schon sehr komisch, auf der Hauptstrasse Richtung Beirut zu fahren und dann kurz vor der Grenze nach rechts abzubiegen. Wir wollen zurueck. Moegen nicht mehr warten. Verstehen nicht, wie das einfach immer nur weitergehen kann. Immer wenn wir aus einem Internet-Cafe rauslaufen, sind wir wieder geknickt und einfach nur traurig. Catherine ist mittlerweile mit einem Schiff Richtung Zypern und dann mit einem Flieger nach Paris. Catherine! Sie war immer da, wie wir in den letzten Jahren Beirut immer wieder besuchten. Catherine, Franzoesin, die mehr oder weniger im Libanon aufgewachsen ist ... Cynthia ist immer noch in den Bergen. Sie denkt nicht mehr an Musik. In der Wohnung sei langsam eine ziemliche Unordnung, weil die Kinder ihrer Schwester spielten wie verrueckt alle moeglichen Spiele ... Franck Mermier und Nicolas Puig vom Beiruter Institut Francais du Proche-Orient schreiben jetzt auch aus Paris. Auch sie sind vor Tagen oder Wochen raus. Vielleicht kommen beide in der naechsten Woche nach Damaskus, wo sie mit uns warten und warten werden. Langsam wird die Frustration, die Leere Alltag. All die Leute, die im Libanon lebten oder waren, sind jetzt schon wieder auf der halben Welt verteilt. In Damaskus sind die Fluege ueberbucht. Unser syrischer Freund Edmond wollte gestern Nacht mit einem Flieger in die Schweiz und seine Freundin Irina in Bern besuchen. Muehsam habe er sich in den letzten Monaten ein Visum bei der Schweizer Botschaft organisiert - dank der Hilfe von Irinas Vater haette es dann auch geklappt - allerdings in letzter Minute... Als er gestern aber einchecken wollte, da hiess es, sorry, die Machine ist voll. Er und zwei junge Libanesen mussten daheim bleiben. Jetzt fliegt er heute Nacht weg, wenn alles klappt. Unser Hausherr Nauman hat auch gehoert, dass die Fluege im Moment heillos ueberbucht seien und man beim Check-In "maechtig durchgebe muesse", dass man wirklich auf diesen Flieger will! Ansonsten ist Damaskus im Moment nicht so anders als sonst. Es sind einfach sehr viele Leute da. Der Krieg ist Dauerthema, die WM schon lange abgehackt. (...) Wir wissen nicht, wie es in dieser Region weitergehen wird, wenn nicht endlich die Vernuenftigen das Ruder an sich reissen. Die Vernueftigen sind aber nicht gefragt. Ahmed, ein weiterer Freund von uns, hat gestern von der Hizbullah geschwaermt - wir habens kaum ausgehalten. Er erzaehlte, dass Nasrallah immer wieder Menschlichkeit zeige. Er habe sich unter Traenen beim arabisch-israelischen Vater entschuldigt, dessen zwei Kinder von einer Hizbullah Rakete getoetet worden waren. Der Vater habe daraufhin nur gesagt, kein Problem .... Verdammt noch mal! Wo fuehrt diese Maertyrer-Kultur auf der einen Seite und diese Paranoia auf der anderen noch hin. Die einen feuern Raketen in ein militaerisch uebermaechtiges Land und wissen genau, dass der Gegenangriff wieder Landsleute toeten wird. Die anderen schlagen einfach ruecksichtslos auf alles ein und glauben, so die Probleme laengerfristig loesen zu koennen. Aber eben, vielleicht gehts auch einfach nur um andere Fragen. Um Dinge, die wir nicht verstehen. Um Dinge, die keiner ausspricht. Um Dinge, die uns keiner erklaert. Thomas

Friday, August 04, 2006

Increase the Peace - Rapper sammeln Geld

DJ LethalSkillz hat mir geschrieben, einer der wichtigen Rap-DJs in Beirut. Er, der Rapper Omarz und andere organisieren zur Zeit zahlreiche Rap-Events in Beirut, Amman und anderswo, um Geld zu sammeln. Bei Ihrer letztes Party hätten sie 1700 Dollars gesammelt und direkt an Red Cross geschickt, schreibt LethalSkillz. "Keep well and be safe, May God bless and Peace to Lebanon, Palestine, Iraq and rest of the world. Increase the Peace", schreibt er in seinem Mail. Thomas

Thursday, August 03, 2006

Rachaya

Am Donnerstag wurde, laut al-Jazeera, auch Rachaya bombardiert. Der TV-Bildschirm im Internet-Café zeigte jedenfalls eine Libanon-Karte, darauf eingezeichnet Rachaya, und ein Symbol für „von israelischen Bomben getroffen“: ein rot-gelbes Feuer.
Ende Juni habe ich den Schweizer Botschafter nach Rachaya begleitet, um dort eine Frauenkooperative zu besuchen, die die Schweiz unterstützt. Rachaya ist ein wunderschoenes Dorf in der südlichen Beqaa-Ebene. Wer Beqaa hört, denkt normalerweise, klar, Shit, Schi’iten und Hizbullah. Aber in der Beqaa-Ebene gibt es auch sehr viele Christen (zum Beispiel in Zahle und Chtaura). Rachaya wiederum ist ein Dorf, das je hälftig aus Drusen und Christen besteht. Am Fusse des Hermon gelegen, in einer absolut traumhaften Umgebung von Olivenhainen, Obstgärten, Bergen. Um nach Rachaya zu gelangen, fährt man auf der Damaskus-Strasse, die jetzt so nicht mehr befahrbar ist, über das Libanon-Gebirge in die Ebene runter, dann weiter bis fast an die libanesisch-syrische Grenze, nach Anjar und Majdel Anjar (auch zwei interessante Dörfer: links der Hauptstrasse liegt das armenische Anjar, rechts das sunnitische Majdel Anjar – eine andere Story). Bei Majdel biegt man rechts ab und fährt über eine kleine Landsstrasse Richtung Süden, Richtung Hermon. Zwischendurch sieht man prunkvolle Häuser – „das sind Häuser von Brasilianern und Afrikanern“, sagt Elie, der Fahrer des Botschafters. Er meint damit libanesische Auswanderer, die es in Brasilien und Westafrika zu einigem Wohlstand gebracht haben und nun in der alten Heimat ihren Zweitwohnsitz haben.
Frauenkooperative Rachaya. Die Chefin, deren Name mir leider im Moment grad nicht in den Sinn kommt, ist selber eine Rückkehrerin, sie ist in Brasilien aufgewachsen und erst vor wenigen Jahren in den Libanon zurückgekehrt. Sie unterhält sich mit dem Botschafter auf portugiesisch. Die Kooperative produziert und vermarktet Bio-Produkte – den besten Aprikosensaft, den man sich vorstellen kann, eingemachtes Mussaqa, Weinblätter, Marmelade, etc. Es gibt kaum Arbeit in der Gegend, und so sind die Frauen dieser Kooperative teilweise die wichtigsten Versorgerinnen ihrer Familien. Die Frauen sind unglaublich herzlich und freuen sich sehr über den „hohen“ Besuch – der Botschafter hat es ihnen dermassen angetan, dass sie ihn einladen, bald wiederzukehren, damit sie eigens für ihn seine libanesischen Lieblingsspeisen kochen können.
Nach dem semiformellen Besuch zeigen uns die Damen noch das Dorf und die Zitadelle – Rachaya wurde vom Bürgerkrieg völlig verschont, offenbar gab es hier keine grösseren Spannungen zwischen Drusen und Christen (im Gegensatz zum Chouf-Gebirge, wo es fürchterliche Metzeleien gab). Die Aussicht von der Zitadelle auf die Berge ist atemberaubend, eine richtige Idylle! Nach dem Besuch werde ich zu Thomas sagen, wir müssen unbedingt mal ein Auto mieten und nach Rachaya fahren... in das christlich-drusische Dorf in der Beqaa-Ebene, das etwa soviel mit Hizbullah zu tun hat wie Bümpliz Nord oder Schwammendingen. Die sympathischen Frauen der Kooperative haben seit gut drei Wochen kein Einkommen mehr. Die Kartons, die sie für den Export ihrer Produkte nach Dubai schon bereit gestellt haben, werden wohl noch eine Weile im Lager stehen bleiben müssen.

Anna

Kartenspielen in Damaskus

So kenne ich Reem gar nicht. Sie ist launisch, aggressiv, und sagt Privatstunden mit ihrer amerikanischen Arabisch-Schülerin ab – sie erträgt Amerikaner im Moment einfach nicht, sagt sie. Reem ist sonst nicht so – vor kurzem habe ich ihr von meiner jüdischen Verwandtschaft erzählt, von meiner jüdischen Seite, und das fand sie enorm spannend. Ist ihr aber auch piep-egal, woher ich komme und warum ich dunkle Haare habe, ums mal klischiert auszudrücken. Zu Kriegsbeginn meinte Reem noch, früher habe sie Hizbullah unterstützt, das hier ginge jetzt aber zu weit, es sei verantwortungslos, das ganze Land aufs Spiel zu setzen. Jetzt, drei Wochen später, ist sie wieder auf ihre frühere Linie geschwenkt. Wie wohl 99% der Damaszener...
Am Dienstag Abend gehen wir mit Reem und ihren Freunden ins „Waraq al-Zaman“, ihre Stammkneipe. Auf dem Flachbild-TV läuft nicht mehr Fussball, wie zu WM-Zeiten (lang ist’s her), und auch keine Pop-Videos, wie sonst, sondern al-Jazeera. Reem ist so müde, dass sie am Tisch beinahe einschläft. Derweil lernen Thomas und ich ein syrisches Kartenspiel, genannt „Trechs“! Nun ja, wenn ich ehrlich bin, heisst es wohl „trecks“ oder „tricks“. Unterhaltsam ist es alldieweil. Und kompliziert – meistens muss man sich darum bemühen, KEINE Punkte zu machen. Carlos, mein Spielpartner, regt sich ziemlich über meine Patzer auf, dabei finde ich, fürs erste Mal spiele ich gar nicht sooo schlecht. Es tut gut, einmal einfach ein bisschen abzuschalten und sich auf etwas so unverfängliches wie ein Kartenspiel zu konzentrieren. Die politischen Diskussionen verleiden uns nämlich langsam – die Verschwörungstheorien, die Vereinfachungen. Uns nervt einfach, dass Nasrallah zum Arab Superstar mutiert und ihn alle hier in Damaskus bewundern dafür, dass er die Israelis so kompetent bekämpft, dass fast 20mal mehr Libanesen sterben als Israelis. Das scheint vielen hier egal zu sein. Hauptsache, Israel wird bekämpft. Wenn der Scheich Näsu (so heisst er auf Berndeutsch) im Fernsehen spricht, sitzen die Leute gebannt vor den Bildschirmen oder Radios, um jedem Wort ihres Helden zu lauschen. Das gibt eine interessante Geräuschkulisse, weil nicht alle den gleichen Sender eingeschaltet haben. Von überall her hört man Näsus sanfte Stimme...
Nimmt mich echt wunder, wie viel Geld die Hizbullah oder wer auch immer einnimmt mit den Souvenirs, die überall zu kaufen sind: Schlüsselanhänger mit Nasrallah, Fahnen mit dem Hizbullah-Emblem, Poster mit Nasrallah und Bashar al-Assad, umrahmt von Blümelein und Wölkchen, wie ein Verlobungsbild. Wie süss.
Jedes Mal, wenn wir die Altstadt in Richtung „Heim“ verlassen, gehen wir am Barada-Fluss vorbei. Im April wars tatsächlich noch ein Fluss, mittlerweile ists eine stinkende Kloake. Die Autofahrer überfahren einen fast – das ist einer unserer jeweiligen Krisenmomenten. Da denkt man doch glatt an die grüne Aare und die netten Auto- und Velofahrer in Bern.

Anna

Wir haben aber auch noch Annas Geburtstag gefeiert, vor ein paar Tagen. In unserem schönen Haus. Mit unserem Hausmeister Nauman (siehe Bild „Nauman in Küche“), seiner Freundin Diana und ihrer Familie, mit der Amerikanerin Martha, die hier wohnt, und mit Reem. Es war sehr nett.

Ach ja, was mir noch in den Sinn kommt. In der Altstadt hat ein Verkäufer und Hizbullah-Freak eine riesige Israel-Fahne vor seinem Laden aufs Strassenpflaster geklebt. Jeder, der durch die Gasse kommt, muss jetzt ueber die Fahne laufen ... na ja, es gibt bessere Aktionen ...

Thomas

Wednesday, August 02, 2006

Fragmente eines Gedankengangs

Der Nahe Osten macht mich müde. Immer das Gleiche, in Varianten, in Extremen. Die Diskussionen seit Jahrzehnten austauschbar. Und immer wieder höre ich die Frage: Warum machen die Juden jetzt das gleiche mit den Arabern, was ihnen selber widerfahren ist? Es macht einen Unterschied, ob diese Frage eine Europäerin stellt oder ein Araber, finde ich. Beide Male ist die Frage falsch und dumm – von Schweizern oder Deutschen gestellt, ist sie allemal dümmer. Man kann die Verbrechen der Nazis nicht vergleichen mit dem Vorgehen Israels. Weder in Palästina noch in Libanon. Damit will ich nicht sagen, dass die Israelis rechtmässig handeln – mitnichten. Ich bin aber davon überzeugt, dass der Holocaust als Ereignis für sich stehen muss und nicht gebraucht oder missbraucht werden darf, von niemandem. Zu sagen, warum haben denn die Juden nichts aus ihrer tragischen Geschichte gelernt, impliziert, dass die teilweise Vernichtung durch die Nazis eine Strafe war, aus der die Juden hätten eine Lehre ziehen müssen. Das war aber nicht so. Gefährliches Argument.
„Die“ Israelis sind nicht „die“ Juden, diejenigen, die in Israel das Sagen haben, sind nicht Auschwitz-Überlebende. In Israel ist noch immer diese Existenz-Angst auszumachen. Es ist an der Zeit, diese Angst zu überwinden, weil sie, angesichts der Kräfteverhältnisse im Nahen Osten (und der internationalen Unterstützung), total irrational ist. Liest man dieser Tage HaAretz, kriegt man den Eindruck, die Israelis fürchteten um die schiere Existenz ihres Staates. Gegen 750 Libanesen sind bis jetzt gestorben, der überwiegende Teil Zivilisten, ein Drittel davon Kinder. KINDER! 51 Israelis sind ihrerseits gestorben, knapp zur Hälfte Soldaten (die grössten Verluste: Panzer auf Miene, Heli-Absturz). Ich zähle Opferzahlen auf, möchte es aber eigentlich nicht tun, weil Menschenleben immer Menschenleben sind, immer Mütter, Väter, Töchter, Söhne, Brüder, Schwestern ihre Liebsten verloren haben.
Anna

Mailaustausch mit Joelle

Ich arbeite an einem Artikel zu Musik und Krieg in Libanon - morgen kommt uebrigens ein Artikel in DIE ZEIT.
Heute habe ich Mails mit Fragen an ein paar Beiruter MusikerInnen geschickt, die ich kenne und schaetze. Die Antworten von Joelle, Pianistin und Komponist, bringen mich den Traenen nahe .... Ich bin sowieso wieder mal fix und fertig, und einfach nur frustriert. Ich habe mich aber grad sehr gefreut, dass mein Cousin Eric aus Groningen in Holland einen Kommentar hinterlassen hat. Im InternetCafe haben wir auch soeben mit Rana und Nadim telefoniert. Sie scheinen einigermassen ok. Verspruehen Zwangsoptimismus. Wir fuerchten im Moment - nach den letzten News -, dass es hier sehr schlimm werden kann.

Drum will ich ein paar Ausschnitte aus Joelles Zeilen hier einfuegen:


"Luckily, my mountain apartment is fully equipped, I therefore have a piano here, and I have brought my laptop for composing and other purposes. The first 3 days of the war, I kept practicing every morning, scales, classical pieces, and Maurice (on bass) and I played every afternoon some jazz, trying to make ourselves believe all this was a big joke, that the we would suddenly wake up from a nightmare, and that the music would lead us through the tunnel. Then I had to admit this war was true, and I was in chock for at least a week, not being able to keep my eyes away from television. I would try to open my computer to try and compose (I have a project to turn in), but it wouldn’t talk to me. My inner voice was dumb, I was numb. Then I started thinking about leaving….or staying….and surviving……

But as always, music wins. So…to make a long story short, I get up every morning, make Nescafe, and drink it while I analyze and play several different “Bach preludes and fugues”, from the second book (well tempered clavier). I believe Bach makes us see things from all different perspectives (poly-phony). Also, it seems to me the more things are dangerous and ugly outside, the more I need to take refuge into something intelligent, conscious, piercing, and yet loving. I’m ick of the imbecility of most, and the meanness of a few. I still don’t know whether I hate stupid or mean folk worse, although I have often asked myself the question.

Thank God, I have music to save me from both.

I am back into composing now. I was commissioned to write a short piece of music based on, or inspired by a Lebanese hymn to the virgin Mary, to be performed on Christmas. So I’ve been doing that, a jazzy, atonal Bach like polyphonic hymn to the Virgin Mary. I’m almost done.

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"Yes, some nights, at least 2 of them, I couldn’t sleep. My daughter was sleeping next to me as she was afraid of the sound of the planes, and so was I. I felt raped, cause I’ve lived through the Lebanese war, and I am not ready to go through this hell again. I felt raped. The worst thing anybody can steel from me is my time. I do believe in time and in accomplishing something. I have become very stingy with my time.

Going back to speeches, I am allergic to people, especially when they are not very smart or educated in the subject trying to give their political opinion …silly bad music, waste of time and energy. People haven’t yet understood that all politics and politicians are dirty. It is a dirty game, we need to stop hiding behind ideals and beautiful speeches (bad poetry). I’m tired or them all. Again, thank God for music (and books, and films)

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"Fear of bombs (real danger) is always the same. When I was younger, my apartment in Achrafieh was being bombed, so the horrible sounds were stronger and scarier. But, I was young and believed in the power of my elderly to solve problems, so I listen to their speeches with some interest, and thought about them. Now I know they’re all (the speeches) lies or nonsense (MEAN OR STUPID). Now it’s all noise to me, and that is strengthening my love to music. Another way to say this is I more and more believe in spirituality, subjectivity….the no-social. All else is only an economical competition. So it’s prose vs poetry. "

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"I dislike all what likes to name itself “political art” in general. I believe art is powerful, and saying exactly what we mean, think, feel, through art, is the greatest most powerful statement possible. When art tries to serve other than itself, it cheapens itself and the cause it pretends serving. I do not wish to give any examples. I guess I am elitist, not out of disrespect to the masses, but because I believe even they deserve better. How can I fight stupidity by using silly music, or cheap lyrics. How can I fight ugliness by making ugly films? We have to fight mediocrity with quality, not with more mediocrity.
Sorry if what I’m saying bothers some people, I do mean it with love though. My country, my people, the people that will be living around me, I need to try to give them the best in order to improve our common situation."

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All these things prove I was right by only trusting myself and my intuition (and good art). Cannot go with violence, or sentimentality. We have to be careful not to fall into traps of the mind. Bad art is a trap, it bets on our stupidity and laziness (the laziness of our minds).
to explain how?