Thursday, August 31, 2006

Bergtouren

Ich gehe jetzt andauernd auf Bergtouren. Denn nicht wenige Musikerinnen und Musiker haben sich in ihre Familienwohnungen in den Bergen zurückgezogen. Ich schnappe mir einen Bus bei der Place Sassine und fahre in vielen Umwegen und mit vielen Stopps fast im Schritttempo aus Beirut raus. Meistens geht’s durchs armenische Viertel Bourj Hammoud. Alles ist auf Armenisch angeschrieben hier. Leute überall, und unser Bus steht immer wieder im Stau – alles ist so ganz anders als in Achrafieh, wo weiterhin alles so leer ist. (Es ist die Mittel- und Oberschicht, die noch nicht in die Stadt zurückgekehrt ist. Sie wartet in den Bergen, bis die Hitze des Sommers und dieser Krieg ganz sicher vorbei sind.) Die Strasse Richtung Norden ist bis kurz nach Jounieh unbeschädigt. Vom Krieg spürt man wenig. All die hässlichen Möbelgeschäfte am Strassenrand sind offen. Die libanesischen Popstars werben auf riesigen Plakaten für ihre neueste CD, die jetzt allerdings auch nicht mehr so neu ist. Und die Leuchttafeln der «Super Night Clubs» blinken trotz Stromknappheit.

Von der Hauptstrasse geht’s dann meistens in einem Taxi in engen Kurven einen steilen Berg hinauf. Am Ende der Strasse, meistens wunderbar im Grünen, steht dann das Haus des Musikers, der Musikerin – ein Familienhaus: mit Eltern, Schwestern, Brüdern, Kindern, und Dienstmädchen. Auf einer Terrasse reden wir dann über diesen Krieg, über Zukunftspläne, über die Rolle eines Künstlers im Krieg, und über vieles mehr. Manchmal werden wir von einem der Kinder unterbrochen. Es spielt Israel gegen Hizbullah im Sandkasten. Die Präferenzen sind unklar: Manchmal siegt Israel, dann wieder Hizbullah. Unklar, und vor allem sehr uneinheitlich, sind auch die Meinungen meiner Gesprächspartner. Während ein Teil doch eine gewisse Faszination für die «Erfolge» der Hizbullah zum Ausdruck bringt und die libanesische Regierung als unfähig und korrupt kritisiert, favorisieren andere klammheimlich Israel. Sie wollen nicht in einem fundamentalistischen, islamischen Staat leben, oder sie finden, dass der so genannte «Widerstand» der Hizbullah nicht nur selbstzerstörerisch, sondern auch menschenfeindlich gewesen sei. Viele hingegen unterstützen keine der beiden Kriegsparteien. All die Kriegstage waren Tage der Familie für sie. Und ausserhalb der Familie führten sie möglichst wenige politische Diskussionen. Denn keiner wusste, was wirklich Sache war. Zu viele dumme Verschwörungstheorien kursierten. Zu viele Freundschaften drohten aufgrund politischer Diskussionen zu zerbrechen. Das Familienleben stand und steht noch immer im Vordergrund. Einige sind auch tief in ihre Musik eingetaucht und haben viel gearbeitet. Andere waren einfach nur deprimiert.

Am frühen Nachmittag gibt’s dann oft köstliches libanesisches Essen – ich bin ein verwöhnter Musikethnologe, denke ich dann. Danach geht’s irgendwann wieder den Berg hinab. Zurück in die Hitze, zurück in das noch immer stinkende Beirut.

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