Sunday, August 06, 2006

Brief an den Okzident

Prolog

Lieber Okzident, hier im Orient gibt es kluge, intelligente, sympathische, warmherzige, nette Menschen zuhauf. Es gibt auch Trottel, Deppen, Arschlöcher, Verbrecher und Fanatiker. Wie bei uns im Okzident auch. Jeder und jede, die den Orient mal besucht hat, kann dies bestätigen – bitte im Kommentar.

UN-Resolution

Wenn ich heute auf BBC, Reuters, Haaretz und Daily Star online über den Entwurf der neuen UN-Resolution lese, bin ich nicht nur wütend und möchte in eine Mauer kicken, ich sehe auch, dass du – lieber Okzident – nur dich selber siehst. Nicht die klugen, sympathischen, warmherzigen, netten Menschen hier, kaum die Trottel, Deppen, Arschlöcher und Verbrecher hier, nur die Extremisten. Israel und Bush sagen, sie seien sehr glücklich über diese UN-Resolution; der libanesische Premierminister Fouad Sinora hingegen betont, dass in der Resolution kein einziger Punkt der libanesischen Regierung berücksichtigt worden ist. Israel wird Südlibanon wieder besetzen (wie zwischen den 80er Jahren und 2000). Und wenn es von Hizbullah in Südlibanon angegriffen werden sollte, so darf es sich wehren. Hizbullahs Hauptaufgabe ist seit jeher, die israelische Besetzung des Südlibanons zu bekämpfen (bis vor diesem Krieg waren nur noch die Shebaa-Farmen unter israelischer Besatzung). Mit der neuen Resolution und der erneuten Besetzung Südlibanons gibt die Welt Hizbullah neues Gewicht, eine grössere Aufgabe, eine neue Existenzberechtigung – die Entwaffung der Hizbullah wird so vermutlich weiter herausgezögert. Es wird wohl wieder zu einem Südlibanon-Krieg kommen, bis dann irgendeinmal internationale Truppen die israelische Armee ersetzen werden – wie Hizbullah auf die Internationalen Truppen reagieren wird, ist eine andere Frage, an der ich mir hier nicht die Finger verbrennen möchte. Die neue UN-Resolution entsteht auch darum, weil Israel und die USA (und wahrscheinlich auch andere) schlicht behaupten, Hizbullah würde einen Waffenstillstand sowieso nicht einhalten. Die Begründung ist einfach: Man hat es mit einer Terrororganisation zu tun, und eine Terrororganisation kennt nur das Gesetz der Waffen. Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass diese Begründung stimmt. Nasrallah ist ein übler Kerl und ein radikaler Politiker. Man kann aber mit Nasrallah reden, man kann mit ihm verhandeln. Genau das will aber keiner tun - weil es nichts zu verhandeln gibt? Weil Israel und die USA sowieso keine Konzessionen machen wollen? Weil man ja nicht über Palästina und Shebaa-Farmen diskutieren will? So verstecken sich Israel und die USA hinter der Floskel, Terroristen kennen nur Waffengewalt. Möglichst keine politisch heiklen Fragen ansprechen ... Gleichzeitig lässt man Hizbullah nur eine einzige Möglichkeit offen, ihre Ziele zu erreichen. Gewalt, Guerilla-Krieg - eigentlich will man ja Gewalt und Krieg verhindern im Nahen Osten, sagt man. Wenn Israel schon nicht diese unnützen und unwichtigen Shebaa-Farmen zurückgeben will (die beste Lösung für eine Beendigung dieses Krieges), so sollte die neue UN-Resolution doch wenigstens für einen uneingeschränkten Waffenstillstand einstehen - mit Israel zurück in Israel. Danach könnte man abwarten, was geschieht. Beim Bruch des Waffenstillstandsabkommens würde man jene Kriegspartei verurteilen, die diesen Waffenstillstand nicht eingehalten hat. Vielleicht würde es zu einem neuen Krieg kommen... aber man hätte es wenigstens versucht. Waffenstillstand plus israelische Besetzung des Südlibanons kann aber nicht funktionieren - und das wissen sowohl die Israeli wie auch die USA wie auch der UN-Sicherheitsrat. Diese UN-Resolution birgt im Gegenteil grosse Gefahren. Andere libanesische Gruppierungen könnten stärker dazu übergehen, Hizbullah im neuen Befreiungskampf zu unterstützen. Die libanesische Regierung könnte wieder gespalten werden, und der sehr sachliche und differenzierte Premierminister Fouad Siniora, der aus meiner Wahrnehmung ein Symbol für einen kontinuierlichen und nicht vorschnellen Wiederaufbau Libanons war/ist, wird viel an Einfluss verlieren. Die alten Clan-Leader werden wieder grosse Reden schwingen, und wie es dann weiter geht, ... keine Ahnung.

Epilog

Viel schlimmer als all diese politischen „Ränkeleien“ und "Abscheulichkeiten" sind die Auswirkungen dieser UN-Resolution und einer solch einseitigen Weltpolitik auf eben die klugen, intelligenten, sympathischen, warmherzigen und netten Menschen, und auf die Trottel, Deppen, Arschlöcher und Fanatiker in dieser Region. Sie alle fühlen sich wieder einmal von der Welt verraten. Sie alle sehen, dass ihre Stimme, ihre Meinung nicht gefragt ist. Sie alle sehen, dass sie Weltbürgerinnen und Weltbürger zweiter Klasse sind. Sie alle sehen, dass sich Israel über Jahrzehnte hinweg über Un-Resolutionen hinwegsetzen und im gleichen Atemzug UN-Resolutionen nach ihrem Gusto fabrizieren kann. Sie sehen die US-Politik im Irak. Sie sehen, wie Israel um die Westbank eine Mauer baut, sie sehen, wie die Welt zuschaut. Lieber Okzident, du schaffst Dir Deine Terroristen selber (und Du weißt das auch). Je mehr Du den Orient unfair behandelst, desto mehr kluge, intelligente Menschen werden Organisationen wie Hizbullah toll finden. Organisationen, die gegen das Unrecht mit Waffengewalt ankämpfen - man will ja nicht mit uns reden. Unsere Freundin Reem hat gestern voller Freude erzählt, wie Nasrallah in seinen Reden Olmert und andere Weltpolitiker aufs Korn nimmt. Sie, ganz Damaskus, ganz Syrien, die ganze arabische Welt habe(n) sich über die Witze Nasrallahs gefreut und sich köstlich amüsiert. Es ist eine Art Galgenhumor, über den die Menschen hier lachen. Der Humor der Gedemütigten, der Humor der WeltbürgerInnen zweiter Klasse. ... Wie ich heute morgen von dieser neuesten UN-Resolution gelesen habe, da konnte ich zum ersten Mal im Keim nachvollziehen, wie einer zum Terroristen werden könnte. Keine Angst, ich werde nie Gewalt gutheissen. Ich verspürte eine solche Wut über meine erste Welt und empfand diese Resolution als eine so ungeheuerliche Frechheit. Ich beginne zu verstehen, dass in Menschen, die solche Enttäuschungen und derartige Demütigungen gegenüber ihren Heimatländern seit Jahrzehnten immer wieder ertragen und verarbeiten müssen, ein ungeheuerlicher Hass entstehen kann. Und zwar bei Menschen wie du und ich, bei Menschen, die nicht per se nationalistisch veranlagt sind, bei Menschen, die ihre politischen Führer eigentlich nicht unterstützen.

Ich kanns nur wiederholen: Man muss auch mit den vermeintlich Bösen – mit Iran, mit Syrien, mit Hizbullah – das Gespräch suchen. Nur so kann man dem Hass Einhalt gebieten, nur so kann man verhindern, dass auch die klugen, intelligenten, sympathischen, warmherzigen und netten Menschen des Orients anfangen, Terrororganisationen zu unterstützen und Gewalt als einzige Möglichkeit sehen, gegen Unrecht in dieser Welt anzukämpfen. Thomas


PS. Zwei Statements aus den heutigen Online-Medien

Dailystar, Englisch sprachige libanesische Zeitung:
"One of the two Hezbollah ministers in the Lebanese government, Mohammed Fneish, said: "When the Israeli aggression ceases, very simply, we will stop (fighting) on condition that no Israeli soldier remains inside Lebanese land." But Israeli Tourism Minister Isaac Herzog said on behalf of the government that "the army will continue to act" until the resolution entered into force."

BBC LESERBRIEF

"The hatred for each other, between the Jews and Arabs in the region, is so deep that even an UN resolution may not help." Diese Aussage stimmt schlicht und einfach nicht. Sehr viele Menschen im Nahen Osten differenzieren zwischen Politik und Menschen. Gerne wuerde ich mal eine grosse Umfrage zu dem Thema sehen.

1 Comments:

Anonymous habla said...

lesenswert:

www.taz.de
>
>Die Geschäfte des Herrn Sisyphos
>Israel, die Hisbollah und die Falafeln - die Kunst der
Investmentpolitik im Nahen Osten
>
>Das Muster kommt jedem, der in Berlin lebt, zumindest in Kreuzberg
oder Neukölln, ziemlich bekannt vor: Ein arabischer Falafel-Laden macht
nach jahrelangen Verlusten zu. Ein anderer Araber übernimmt den Laden
und bietet - wen überrascht es? - wieder Falafel an. Auf die Frage,
warum es diesmal besser laufen sollte, erhält man die immer gleiche
Antwort: "Es wird schon gut gehen, inschallah" (wenn Gott will, gemeint
ist der Gott der Muslime, versteht sich). Das klappt normalerweise
nicht. Der Laden macht zum wiederholten Mal zu. Ein neuer Besitzer -
selbstverständlich ein Araber - kommt, und die unendliche Geschichte
nimmt ihren bekannten Lauf.
>
>Man könnte meinen, dies wäre eine typisch arabische,
geschichtsbedingte Sisyphos-Tragödie, wenn es unseren Cousins in der
Region auf der anderen Seite der Grenze, den Israelis, nicht ähnlich
erginge. Böse Zungen behaupten, wir Araber hätten sie schon während des
Krieges 1948 angesteckt (hebräisch: der Unabhängigkeitskrieg, arabisch:
die Katastrophe).
>
>Fest steht nur: Im Jahre 1978 versuchten sich die ersten Israelis in
Sachen "Sicherheitsgeschäfte" an der nördlichen Ausfallstraße, hinter
der libanesischen Grenze. Sie wagten sich allerdings nicht sehr weit
vor, nur bis zum Fluss Litani. Ihre Feinde waren damals die
palästinensischen Fedajin (arabisch: "Kämpfer", hebräisch:
"Terroristen", international: Na ja … - ihr Anführer Jassir Arafat wurde
zum "Nobelpreisträger", dann wieder zum "Terroristen", dann starb er und
hängt bis heute zwischen Himmel und Hölle, da sich die ständigen
Mitglieder des göttlichen Sicherheitsrats uneins sind, wo er hingehört).
>
>Jedenfalls investierte man jede Menge Munition und wollte jede Menge
Sicherheit ernten. Allerdings erwies sich das Geschäftsmodell vier Jahre
später immer noch nicht als lukrativ, sodass der Vorstand verzweifelt
eine Kapitalerhöhung beschloss. Der Libanonkrieg 1982 war ins Leben
gerufen. Diesmal hieß der Geschäftsführer Verteidigungsminister Ariel
Scharon, kurzum der "Bulldozer". (Scharon hängt mittlerweile irgendwo
zwischen Diesseits und Jenseits. Informierten Kreisen des Himmels
zufolge wartet er erst, bis der Verbleib seines Kontrahenten Arafat
feststeht, damit er sich dann für den jeweils anderen Ort entscheiden
kann). 1982 sollte der Geschäftsführer Scharon alles richten. Dabei
sollte es eigentlich auch endgültig klappen, inschallah (gemeint ist
diesmal der Gott der Juden, versteht sich).
>
>20 Jahre später die erste Betriebsprüfung. Es tritt auf: ein junger
dynamischer Investor namens Ehud Barak. Er zählt eins und eins zusammen
und erklärt: "Hier ist nichts mehr zu holen." Er zieht seine Truppen ab,
vergisst allerdings, sich gegen Schadenersatzansprüche der arabischen
Kundschaft abzusichern, etwa durch längst fällige Friedensverträge und
die Aufgabe des letzten besetzten Stücks Libanon, der Shebaa Farms. So
fällt die Bilanz Baraks am Ende trotz Abzugs schief aus: zwei in Shebaa
Farms entführte israelische Soldaten bei der Hisbollah und hunderte
gefangene Libanesen in Israel. Erst im Jahr 2004 kann ein tüchtiger
deutscher Insolvenzverwalter die komplizierten Geschäftsverflechtungen
klären und einen Gefangenenaustausch aushandeln.
>
>Nun ist es wieder so weit: Ein weiterer Falafel-Laden soll her; ein
neuer Falafel-Spezialist versucht sein Glück: Ehud Olmert. Er meint, der
internationale Geschäftsklimaindex weise nach oben. Dieses Mal werde es
klappen, wenn Condi Rice es will (wir wussten es schon immer: Gott ist
eine Frau). Diesmal sei das Geschäft zeitlich begrenzt, danach übernehme
ein internationales Konsortium den Laden. Nur: die Kundschaft, sowohl in
Israel als auch im Libanon, ist falafelmüde. Wie wäre es mit Döner … -
oder gleich mit Politik? Sonst müsste die deutsche Bratwurst wieder ran.
Und Bratwurst ist bekanntlich nicht koscher, weder für Araber noch für
Juden.
>
>AKTHAM SULIMAN
>
>taz Nr. 8036 vom 1.8.2006, Seite 16, 128 Kommentar AKTHAM SULIMAN, Glosse

6/8/06 23:42  

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