Friday, August 11, 2006

BRIEF DES MUSIKERS RABIH ABOU-KHALIL

Heute hat uns dieser Brief des libanesischen Musikers Rabih Abou-Khalil erreicht.

Eine Antwort an die Gebete der amerikanischen Aussenministerin

Von Rabih Abou-Khalil (Musiker und Komponist)

"Im Juli habe ich meine Tochter in den Libanon geschickt, zu meiner Familie. Von deren Liebe und Fuersorge umgeben, sollte Nayla eine frohe Zeit in den Bergen des Libanon erleben. Das war als eineArt von Belohnung gedacht, denn sie hat gerade das Bakkalaureat an der Internationalen Schule von Muenchen absolviert. Obwohl die Kosten dieserAusbildung eigentlich zu hoch waren fuer mich, war es mir ueberaus wichtig, sie dorthin zu schicken. Ich lege grossen Wert darauf, dass sie Toleranz lernt, dass sie die Welt in all ihren Farben und Schattierungen, mit all ihren politischen Tendenzen und Rassen, mit all deren Traditionen und Gepflogenheiten kennen lernt. Sie plant nun, fuer ein Jahr nach China zureisen, um zu lernen, Hilfsprojekte zu organisieren.

Nayla fuehlt sich heute verfolgt von den Bildern toter Kinder, Frauen und Maenner, begraben unter Schutt und Asche, verbrannt bis zur Unkenntlichkeit, von verzweifelten Menschen, um die man trauern muss, weil ihnen ihre Allerliebsten und auch noch die Heimat genommen wurden, von Bomben, die vom Himmel auf dicht bevoelkerte Gebiete herunterhageln, ohne Ruecksicht auf jedeMenschlichkeit. Es scheint Rechtfertigung genug, darauf hinzuweisen, dass nicht der Taeter der Schuldige sei, nein, schuldig ist derjenige, der einen Grund geliefert hat, diese Taten zu begehen. Dieses fadenscheinige Argument haette wohl vor keinem Gericht der zivilisierten Welt Gerechtigkeit. Sie hoerte, wie die amerikanische Aussenministerin dem christlichen Patriarchen von Libanon versicherte, taeglich fuer den Libanon zu beten, und dann eiskalt davon spricht, dass das Morden noch nicht aufhoeren kann, zumal diese Auseinandersetzung nicht von Dauer sein wuerde - als hielten die Vereinigten Staaten die ganze Angelegenheit nicht selbst in den Haenden ... Meine Tochter sah nun eine Welt, die sich duckt, anstatt Widerstand zu leisten, wo doch deren eigene Erklaerungen zur moralischen Ueberlegenheit der Demokratie derart Luegen gestraft werden.

Fast eine Million Libanesen sind auf der Flucht vor dem Bombenregen, sie haben all ihr Hab und Gut verloren. Eine Million - der gesamte Libanon ha tnoch nicht einmal vier Millionen Buerger! Ihre Doerfer werden jetzt von Bulldozern niedergewalzt. Bis jetzt sind es um die 30 und es werden immer mehr! Siedlungen, die in Jahrhunderten zusammen gewachsen sind, denkmalschutzwuerdige alte Doerfer, keine Zeltlager, wie man vielleicht meinen koennte.

Gegen wen kaempfen diese Machthaber in Israel ueberhaupt? Die Zerstoeung trifft in erster Linie die zivile Infrastruktur des gesamten Landes. Die Opfer sind hauptsaechlich unschuldige Zivilisten. Ich habe immer jenen heftig widersprochen, die - um ihre Mitschuld zu schmaelern - sich anschickten, den millionenfachen Judenmord durch das Naziregime zu relativieren oder zahlenmaessig zu verkleinern, als koennte man Leid und Intoleranz quantifizieren. Heute lese ich auf der Internetseite der israelischen Tageszeitung "Jediot Achranot", dass bei einem Raketenangriffauf ein suedlibanesisches Haus nicht etwa 50, sondern in Wirklichkeit "nur"28 Kinder gestorben seien; die zusaetzlichen seien zum Zwecke derHetzpropaganda von der Hisbollah aus anderen Gebieten dort hingekarrtworden. Ist denn das die Moeglichkeit? Wird denn nun keiner entruestet widersprechen? In den Truemmern der Doerfer liegen noch immer unzaehlige Leichen. Leichen, von denen man moeglicherweise im Nachhinein mit leicht verschoenter Betroffenhei tsprechen wird. Man haette frueher eingreifen sollen, wird es heissen. Wird dieWelt morgen vom Libanon wie vom Kosovo oder von Bosnien sprechen? Aber dort wurde immerhin der Versuch unternommen, die Kriegsverbrecher anzuklagen und zu verurteilen.

Meine Tochter Nayla habe ich aus Zypern zurueckgeholt, sie ist nun in Sicherheit. Die im Libanon Zurueckgebliebenen sind es nicht. Das Land stirbt. Was macht die Welt? Wird sie sagen: "Wir haben von nichts gewusst?"

(Rabih Abou-Khalil)

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