Thursday, August 31, 2006

Dahijeh

Heute waren Anna und ich in Dahijeh. Eine Geisterstadt. Trümmer soweit die Augen blicken können. Aus den Häusern, die in Schutt und Asche liegen, ragen all die Armierungseisen heraus. Zu den skurrilsten Formen verbogen. Ein Mann sammelt die einigermassen gerade gebliebenen Eisen auf und will sie wohl verkaufen. Frauen, Männer, Kinder stehen auf den Schuttbergen, die noch vor kurzem ihre Häuser waren und suchen nach den Gegenständen, die noch vor kurzem ihr Heim ausmachten. Am Rand der Schuttberge stapeln sich Teppiche, Schuhe, ein Kochherd, ein paar Pfannen. Alles ist gespenstisch ruhig. Alle arbeiten konzentriert, sind stumm geworden. Nur die Bagger und Kräne machen einen gigantischen Krach. Ihre Schaufeln und Zangen krallen sich im Beton, in den Armierungseisen, im Hausrat fest und reissen alles aus dem Elend raus. Staub überall. Viele tragen Masken, einige halten einfach ihr Hemd vor Mund und Nase. Männer und Frauen und Kinder sitzen einfach apathisch vor ihren Häusern. Einige sitzen sogar in ihren Wohnungen drin. Man sieht noch die Bilder, die sie hier aufgehängt haben. Man sieht einen Teil der Küche, das Wohnzimmer, das Schlafzimmer. Ein Fernsehteam filmt die Wohnungen. Ein paar Libanesen sind mit kleinen Digitalkameras oder mit Videokameras gekommen und dokumentieren die Zerstörung. Auch ich schiesse ein paar Fotos. Kaum jemand spricht uns an. Wir schauen diesen Menschen in die Augen, und sie schauen zurück. Keiner braucht was zu sagen. Die traurigen und müden Blicke sprechen Bände. Ein Autofahrer sagt zu mir, «Das ist Demokratie! Danke!», ein anderer fragt, woher wir kommen. «Aus der Schweiz? Very good! But Bush and Olmert very bad». An einer Ecke hat ein Wasserpfeifen-Kaffee noch immer geöffnet – als ob nicht schon genug Smog und Rauch in der Luft wäre. Hinter einer anderen Ecke besuchen wir Lokman Slim und Monika Borgmann vom Umam Kulturzentrum. Der Kaffee, den sie uns anbieten, tut unsere staubigen Kehle gut. Lokman und Monika sind zynisch geworden: So gross sei die Zerstörung jetzt auch wieder nicht, untertreiben sie und schütteln ihre Köpfe. Schwarzer Humor ist angesagt in Libanon. In einem Witz schickt Hizbullah Libanons Sexikone und Popdiva Haifa für Verhandlungen nach Israel. Haifa kommt schwanger zurück und sagt, sie bringe eine neue israelische Geisel. Wirklich lachen tut keiner... Libanon ist aus den Fugen. Anna und ich hoffen, dass die libanesische Regierung die Oberhand behält. Ein Wettkampf hat begonnen: Wer zahlt mehr und schneller Geld an diejenigen, die ihr Haus im Krieg verloren haben. Hizbullah verteilt schon mal tüchtig. Und die Regierung kündigt jetzt auch Direktzahlungen an. Was wäre, wenn Hizbullah und die Regierung solche Gelder nicht erst nach Zerstörungen auszahlen würden? Was wäre, wenn Hizbullah und die Regierung sich auch im Friedensfalle wirklich um die Bevölkerung kümmern würden? Wie wir wieder aus Dahijeh raus sind, lässt der Kulturschock nicht lange auf sich warten. Zwischen Sodecco und der Place Sassine reihen sich schicke Dessous-Läden aneinander. Auf den Hauswänden lächeln uns Damen in Unterwäsche entgegen. Michel Aoun for President steht auf einem anderen Plakat geschrieben. Und gleich hinter einer der vielen Marienstatuen schaut ein ernster Samir Geagea auf die Strasse hinab. Thomas

1 Comments:

Anonymous Barbara said...

Hallo. Ein Zeichen aus "happy Switzerland" und ein simples Zeugnis, dass es nicht ganz allen gleichgültig ist, wie die Situation ist. Libanon,
Tuerkei, Sri Lanka,... Hoffen wir alle auf bessere Zeiten. Vielen Dank fuer eure Informationen und Kommentare. Liebgruss,
B

2/9/06 22:34  

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