Saturday, August 26, 2006

Waldspaziergänge im Dunkeln

Wir sind jetzt seit knapp drei Tagen wieder in Beirut. Es scheint, als würde die Stadt alle unsere Energie aussaugen. Die Strassen sind leer. In den Bars trinken wir mit Freunden im Dunkeln. Immer wieder fällt der Strom aus. Die Strassen sind in der Nacht kaum beleuchtet. Es ist, als würde man in der Nacht durch einen Wald spazieren. Die dunklen Bäume sind hier einfach dunkle Häuser. Wir haben uns mit vielen Freunden getroffen. Sie alle reagieren ganz anders auf die Situation. Cyril meint, Beirut unter Bomben sei immer noch viel besser als Paris. Charbel will auswandern; am besten mit seinem ganzen Musikensemble, so dass man dann in Kanada oder anderswo gleich die nächste Platte aufnehmen kann. Cynthia hat Wochen lang keine Musik gehört. Musik ist plötzlich so unwichtig geworden, findet sie. Sie lebte mit und für ihre Familie. Die Familie zählt. Rana hatte fürchterliche Angst in all diesen Bombennächten. Sie erzählt von den Fliegern und Drohnen, die sie gesehen hat, und von den Sounds, die sie gehört hat. Immerhin sei sie irgendwie über ihr Kindheitstrauma hinweggekommen. Sie begreife jetzt, warum sie als Kind so Angst gehabt hatte vor den Sounds der Flieger und Bomben. Sie hat immer noch Angst vor ihnen, aber alles ist irgendwie aus der Erinnerung in die Gegenwart gekommen. Man kann Beirut nicht fassen im Moment – wahrscheinlich kann man das ohnehin nie. Wir waren heute mit dem Fernsehen in Dahiye, im zerstörten Süden der Stadt. Wir haben all die kaputten Häuser gesehen, und all die Leute, die hier aufräumen. Es ist alles irgendwie surreal, und einfach nur traurig. Gleichzeitig scheint das normale Leben weiterzugehen. Die Stände mit frischem Gemüse und Früchten sind offen. Auf der Strasse herrscht Stau. An Bombenstätten wird aufgeräumt. Wir haben ein Kulturzentrum in Südbeirut besucht, das teilweise zerstört worden ist. Hier wurden noch vor kurzem internationale Filme gezeigt – zum Beispiel «Forget Baghdad» vom Schweizer Filmemacher Samir. Hier wurden alle möglichen Artikel aus der Geschichte Libanons aufbewahrt. Ein Teil des Archivs ist jetzt durch die Bomben quasi pulverisiert worden. Während in Dahiye hektisches Treiben herrscht, ist, wie gesagt, das Stadtzentrum fast wie ausgestorben. Ich habe Sonntage in Beirut immer geliebt. Und jetzt ist immer Sonntag hier, scheint es. Wir haben auch den Leuchtturm gesehen. Mit einem erstaunlich präzisen Schuss ist ihm der Kopf abgeschossen worden. Wir sahen auch den Ölteppich bei den berühmten Taubenfelsen. Abscheulich. Und doch schwimmen ein paar Libanesen noch immer im Meer. Und doch fischen ein paar Libanesen an der Corniche weiter nach Fisch. Die Luft ist schlecht. Es ist heiss und feucht. Die Stadt zieht dir im Moment die ganze Energie aus dem Leib. Alles läuft auf Sparflamme. Und kaum einer hier traut der Zukunft. Immer wieder muss ich an «Warten auf Godot» denken. Was kann ich schreiben? Die Stadt ist schockiert. Niemand hätte das gedacht. Es hätte der Rekordsommer werden sollen. Die Hotels werden voll sein, hiess es noch vor etwas mehr als einem Monat. Wir hören, dass Beirut noch kurz vor dem Krieg in einer Rangliste der weltweit beliebtesten Stadt-Feriendestinationen den neunten Platz belegt hat. All das ist wie weggeblasen, scheint es. Die Stadt hat keine Luft mehr. Die Menschen sind zwar freundlich und üben sich in Zynismus und Satire, aber sie wirken langsam, behäbig, müde, traurig. Alles ist unscharf hier, alles unklar. Auf jede Frage zehn verschiedene mögliche Antworten. Auf jede Frage zehn bessere Fragen. Alles ist noch da: Der Mix von schönsten und hässlichsten Häusern, das Meer, der Hafen, die Bars. Und unsere Nachbarn: Sie haben sich gefreut, dass wir zurück sind. Der alte Zeitungshändler verkauft uns jetzt wieder mit einem lieben, aber etwas müden Lächeln den Daily Star. Der Gemüsehändler verkauft uns wieder Tomaten. Er legt immer eine mehr dazu, als wir eigentlich wollen. Und ob ich unsere gigantische Melone nach sieben Wochen noch essen kann, weiss er auch nicht so recht. Der Coiffeur schneidet die Haare jetzt zu Tiefspreisen. Die Frauen aus dem Geschäft bei unserem Eingang sagen noch immer «Grace à dieu», finden aber mittlerweile Nasrallah gar nicht so schlecht. Und. Und. Und. Komischerweise gibt’s hier fast nirgends Nasrallah-Bilder zu sehen – sogar in Dahiye waren es nie so viele, wie etwa Damaskus. Dafür kleben viele Fotos von getöteten Hizbullah-Kämpfern – „Märtyrern“ - an den Mauern. Dafür kursieren hier wieder einmal alle möglichen Gerüchte. Jeden zweiten Tag heisst es, das Benzin sei alle. ... Und dann stehen sie dann plötzlich in langen Schlangen an der Tankstelle. Dann heisst es, ein Teil der libanesischen Regierung habe von Anfang an mit der israelischen und der US-Regierung zusammengearbeitet, damit die Hizbullah endlich ihre Waffen abgeben muss. Und Und Und. Jeden Tag haben wir hier mindestens vier Stunden keinen Strom. Gestern waren es acht. Das ist an sich nicht weiter schlimm. Das Telefon läuft, Internet läuft, Wasser läuft, Gaskochherd läuft.... Nur der Lift halt nicht: 140 Tritte sind es bis zu unserer Wohnung. Aber eben, etwas Bewegung tut uns gut. Wäre das alles hier nicht so eine extreme Sauna.

Keiner hier weiss, was er denken soll. Das Land steht komplett neben den Gleisen, würde man in der Schweiz sagen. Libanon ist komplett aus den Fugen geraten. Am schwierigsten wird sein, den Glauben der Leute an eine Zukunft wieder herzustellen. Im Moment gibt es keine Zukunft. Auch wenn die Sonne wie jeden Abend im Meer versinkt und irgendwo über den Hügeln aufgeht. Auch wenn jetzt ab und zu wieder ein Flugzeug die Stadt anfliegt. Auch wenn jetzt die Franzosen und Italiener und die Südasiaten kommen werden. Auch, Auch, Auch, Auch. Bis vor dem Krieg empfand ich Beirut immer als eine Stadt der krassen Gegensätze, der krassen Farben und Farbtöne. Jetzt ist Beirut eine Stadt der Unschärfe, der undeutlichen Schattierungen. Alles war klar definiert – zu klar irgendwie. Der Süden, die reicheren Beiruter-Stadtteile, das kosmopolitische Beirut, die Hizbullah-Viertel, die Welt der Künstler, die Welt des kleinen Mannes. Jetzt vermischt sich alles. Alle tragen am Schicksal dieses Landes mit. Und doch scheint das Schicksal dieses Landes nur bedingt in den Händen der Libanesen zu liegen. Und doch liegt es in den Händen der Libanesen. Und doch.... Thomas

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