Thursday, August 10, 2006

ZEIGT KRIEGSKRITISCHE TEXTE, VIDEOS UND MUSIK AUS ISRAEL UND LIBANON

Die Welt spielt verrückt. London Heathrow für eingehende Flüge geschlossen. Israel fordert Bewohner von vier Quartieren in Beirut auf, ihre Häuser zu verlassen. Israel droht, jeden Lastwagen zu bombardieren, der auf der Küstenstrasse fährt – ob im Norden oder im Süden des Landes. Hilfslieferungen an Zivilisten werden nicht durchgelassen. Öl fliesst ins Meer. Viele unserer libanesischen Freunden überlegen sich jetzt endgültig, dass Land zu verlassen. Aus New York, aus dem UN-Sicherheitsrat hört man seit Tagen kaum mehr was – nur noch Gerüchte. Wie mag es weiter gehen: Israel bombardiert Beirut. Hizbullah trifft Tel Aviv. Israel marschiert mit 30'000 Mann in Südlibanon ein und erleidet massive Verluste. Zivilisten in Libanon sterben und verhungern. Syrien wird durch irgendeinen Querschläger in den Krieg hineingezogen. Iran unterstützt Syrien. Libanon wird komplett zerstört, so wie es Israel schon am ersten Tag dieses schwachsinnigen Krieges prophezeit hat: «Wir werden Libanon zwanzig Jahre zurück bomben.» Israel fragt die Welt um Unterstützung. Der dritte Weltkrieg bricht los? Und das alles wegen zwei entführten Soldaten, für die sich Israel scheinbar schon länger nicht mehr wirklich interessiert. Oder: Es geschieht ein Wunder! Und der UN-Sicherheitsrat trifft eine einigermassen akzeptable Entscheidung. ...

Anna und ich haben gestern den halben Tag mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde von Damaskus verbracht. Wir haben zwei wunderschöne Synagogen in der Stadt besucht. Die Gemeinde zählt nur noch 40 Leute. In den 90er Jahren sind Tausende ausgewandert. Der syrische Staat gab ihnen die Garantie, dass sie jederzeit wiederkehren dürften. Das Hauptproblem der Gemeinde ist, dass es kaum jüdische Frauen mehr gibt in Damaskus, und so die Männer nicht heiraten können. Auch an Geld fehle es. Es komme seit kurzem auch kaum mehr Geld aus den USA. Sie wollen aber in Damaskus bleiben, sagen uns die Gemeindemitglieder: Wegen den Synagogen. Wer würde sonst zu den Synagogen schauen? Es war ein wunderschöner, ein äusserst spannender Nachmittag. Wir haben Kerzen angezuendet und uns eine bessere Welt gewuenscht. Die Leute in Damaskus wüssten, dass sie Juden sind, sagte uns der Gemeindevorsteher am Schluss noch. Sie bräuchten sich hier dennoch nicht zu verstecken.

Auf dem Weg zurück hat uns dann die Realität wieder eingeholt. Kinder schmissen Steine gegeneinander, in einer Gasse. Sie schmissen nicht gegen uns, aber unangenehm war’s trotzdem. An immer mehr Orten liegen jetzt Israel Flaggen am Boden, die man sorgfältig umgehen muss – ich laufe doch nicht über Flaggen! Ein bisserl Niveau haben wir noch! In einer Gasse haben Kinder mit Kreiden x Davidsterne auf den Boden gezeichnet. Und kurz vor neun hört die ganze Stadt jeweils die Ansprachen von Nasrallah. Eine komische Stimmung. Aus jedem Haus, jedem Laden, hört man Nasrallah reden. Die Leute gruppieren sich vor dem Radio oder vor dem Fernseher und hören ruhig zu. Ob die Leute auch Angst haben, dass der Krieg nach Syrien kommt? Wir wissen es nicht recht ... Unser Hausbesitzer Nauman rechnet damit. Der Handwerker, der heute in Naumans Haus Fliegengitter installiert hat, meint aucn, dass es auch in Syrien losgehen koennte. Die Armee habe sich an der Grenze aufgestellt. Sie sei bereit. Andere glauben nicht an eine Ausweitung des Krieges. Keiner weiss, wie es weitergehen soll.

Am Abend haben wir dann wieder diskutiert und diskutiert. Wie weiter? Was weiter? Zurück in die Schweiz? Wenn ja, wann? Weiter recherchieren, zu den jüdischen Gemeinden in Syrien? Plus eine Recherche zu Dabké-Musik und Kriegspropaganda? Wahrscheinlich bleiben wir noch zwei Wochen. Und dann fliegen wir in die Schweiz. Oder – falls ein Wunder eintrifft – fahren wir zurück nach Beirut.

Es kommen jetzt auch immer mehr Anfragen rein. Könnten wir nicht eine Aktion planen? Was könnten wir in der Schweiz/in Deutschland machen, um unsere Stimmen für den Frieden zu erheben? Mir fehlt allmählich die Kraft, muss ich gestehen. Ich gebe liebend gerne Kontakte in Beirut weiter, aber ich kann die Veranstaltung nicht organisieren. BITTE SCHICKT UNS LINKS ZU WEITEREN BLOGS UND WICHTIGEN WEBSEITEN, DIE IHR KENNT. WIR WOLLEN DIE LINKLISTE AUF UNSEREM BLOG VERBREITERN. Die Beiruti selber sind immer schwieriger zu erreichen. Eigentlich möchte ich folgendes vorschlagen: Macht nicht zu komplizierte, zu exklusive Veranstaltungen. Sammelt Aussagen von Blogs und von journalistischen Texten, stellt sie zusammen und aus. Sammelt Videos und Tondokumente aus dem Kriegsgebiet – viele Künstler stellen im Moment Videos ins Netz. Spielt Musik von den MusikerInnen. Wir können das alles von Damaskus aus fast nicht tun. Die Internetverbindungen sind einfach zu langsam... WICHTIG: Schaut nicht nur auf die libanesische Seite. Sucht Blogs, Texte, Videos, MP3 aus den linken, humanistischen, kritischen Szenen in Israel – vielleicht wäre das fast noch wichtiger! Setzt auf die spannenden Köpfe auf beiden Seiten! Und verurteilt die Kriegsgurgeln: Israel und Hizbullah! Thomas

4 Comments:

Blogger pauli said...

lieber thomas, wir sind in der dampfzentrale angefragt werden, eine soli-sache zu machen. und ich bin eigentlich ganz dafür.frage: weisst du eine gute institution, welcher man das verdiente geld spenden könnte. grüsse dich, christian

10/8/06 17:47  
Blogger outhere in beirut and the region said...

Hi Christian
Wir sind mit dem PROGR und mit Schlachthaus Sandro am diskutieren. Rede mal mit Katrien. Vielleicht waere was groesseres besser als zwei drei kleinere Sachen. Ich kann mich aber auch taeuschen. Was meinsch?
Liebe Gruesse
Thomas

10/8/06 23:36  
Blogger Francesco Tortelloni said...

Hallo Tom,

Nur nicht allzuviel Respekt vor nationalen Symbolen auf Stoffen, es könnte ja auch ein hübscher Fussteppich sein, oder? Und wenn schon 20 Jahre zurückbomben, doch besser gleich 40, dann wäre der Libanon wieder in den goldenen 60ern...

Ich mail dir noch einen spannenden Kommunisten-Kontakt aus Balbeek.

Lieber Gruss, Francesco

11/8/06 11:46  
Blogger Fabio said...

http://www.ahmadinejad.ir/

Praesident Ahmadinejad, seines Zeichens Praesident der Islamischen Republik von Iran, ist nun auch unter den Bloggern.

Er fragt: "Do you think that the US and Israeli intention and goal by attacking Lebanon is pulling the trigger for another wor[l]d war?" und laesst mit YES/NO seine Leser abstimmen.

Fabio

14/8/06 11:00  

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