Thursday, September 07, 2006

Auswandern


Endlich. Heute hebt Israel die Luft- und Meerblockade auf. Zum ersten Mal seit Tagen sehe ich den Heissluftballon für Touristen wieder über dem Stadtzentrum schweben. Im Hafen brennt ein riesiges Feuer – wahrscheinlich wird einfach Müll verbrannt, aber die riesige Rauchwolke hat mir und vielen Leuten hier zunächst mal einen kleineren Schock eingejagt. Die Meinungen über diesen Krieg sind sehr gespalten, die Aussagen der Leute nicht selten widersprüchlich und undeutlich. Laut einer unabhängigen Umfrage, die heute im Daily Star veröffentlicht wurde, empfanden 78% der Libanesen die Politik Nasrallahs als exzellent. 58% wollen auch nach dem Krieg in Libanon bleiben, 21% warten erst mal ab, 15% wollen auswandern, und 4% sind unentschieden.

Im Virgin Mega Store, Downtown, treffe ich Julio, Fouad und Marco. Drei Instrumentenverkäufer, drei Rock-, Heavy-Metal- und Death-Metal-Musiker. Christen und Armenier. Alle drei wollen auswandern. Julio will nach Prag, in die Weltstadt der Musik und der Musiker, wie er sagt: «In Beirut bekommst Du als Musiker nirgendwo eine richtige Ausbildung geboten. Es gibt kaum gute Mitmusiker. Du kommst einfach nicht vom Fleck.» Marco und Fouad wollen nach Frankreich. Viele Freunde und Musiker sind bereits ausgewandert, einige warten auf ihr Visum, wieder andere kommen in ein paar Tagen zurück - «hoffentlich» sagen die drei, denn so sicher sind sie nicht. «90% der libanesischen Jazzmusiker leben und arbeiten seit Ausbruch des Krieges in Dubai. Sie müssen spielen, Geld verdienen.», klagt Julio. Eigentlich hatte er noch vor kurzem eine Crossover-Band gründen wollen, doch jetzt fehlen ihm ein Saxophonist und ein Trompeter. So ganz fix scheint sein Auswanderungsentscheid nicht. «Im Ausland müsste ich wieder bei null anfangen. Will ich das wirklich?!»

Dieser Krieg sei sinnlos gewesen. Sie hätten jegliches Vertrauen in die Zukunft dieses Landes verloren, sagen die drei. «Wie kann Hizbullah ein solches Debakel als Sieg verkaufen!?» Seit Wochen komme kaum ein Kunde mehr in die Instrumentenabteilung. «Wir vertreiben unsere Zeit mit Jamsessions». Alle lachen. «Vielleicht aber verlieren wir bald alle unsere Jobs.» Im Krieg sind die drei Musiker ab und zu in den Bergen, im christlichen Broumana, in den Ausgang gegangen. «Halb Beirut feierte dort oben Partynächte, während unten in Dahiye Menschen starben. Das ist irgendwie schon krank, und irgendwie haben wir uns auch nicht gut gefühlt dabei», sagt Fouad und fügt als Entschuldigung an, sie hätten sich wenigstens nicht allzu fest zurechtgemacht - «ganz im Gegensatz zu einigen Frauen, die vorher stundenlang vor dem Spiegel gestanden sind und sich bemalt haben ... wie können sie nur!»

Im Café des Virgins treffe ich Raffi, der zur Zeit grad mit einer Theatergruppe Ziyad Rahbanis Kultstück «Failure» einübt. Raffi arbeitet einer internatinalen NGO zu «Good Governance», und er hat bei der Internetradiostation www.vibelebanon.com seine eigene Show. Es seinen vor allem christliche Jugendliche, die jetzt auswandern wollten, weiss Raffi. Der christliche Patriarch Boutros Sfeir habe die Botschaften westlicher Länder angewiesen, den jugendlichen Christen nicht mehr allzu einfach Exitvisas auszustellen. Sfeir habe Angst ums konfessionelle Gleichgewicht in diesem Land. Natürlich denkt auch Raffi daran, Libanon in Richtung Westen zu verlassen. «Ich bin jetzt 26. Ich will mir eine Existenz aufbauen. Und ich bin nicht mehr sicher, ob ich das hier in Libanon kann.» Thomas

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