Monday, September 18, 2006

Beirut - Bern - Beirut

Letzte Woche habe ich einen Abstecher nach Bern gemacht. Das erste Mal nach einem halben Jahr wieder daheim – nach einer Zeit, die mehr Aufregung und Action brachte, als ich mir je hätte vorstellen können. Nach Monaten, die mich müde, traurig, wütend machten und auslaugten.

Bern ist eine schöne Stadt. Die Fassaden der Häuser sind glatt, manchmal zwar versprayt und zuweilen auch schmutzig und schmuddelig, aber glatt. Keine Einschusslöcher eines Krieges, der anderthalb Jahrzehnte schon vorbei ist. Und natürlich auch keine halb zerstörten Wohnviertel in der Suburbia. Zumeist gepflegtes Erscheinungsbild der Gebäude also – im Gegensatz zu den Menschen. Der zweite frappante Unterschied: die Leute in Bern, die Passantinnen und Passanten, sehen alle sehr unterschiedlich aus, die Diversität ist gross. Aber viele Leute sind irgendwie ungepflegt, schlampig gekleidet, hässlich. Darf ich das einfach so sagen? Es erschien mir jedenfalls so. Ehrlicherweise muss gesagt werden, dass wir hier in Beirut auch immer total under-dressed sind, wenn wir an irgendeinen Anlass gehen. Die schlampigen Europäer halt. Vielleicht sind die Bernerinnen und Berner einfach auch viel natürlicher als die Beirutis – weniger operierte Näschen und Brüste, weniger Make-up, weniger Stilettos. Dennoch gibt es sehr viel mehr schöne Menschen hier als in Bern.

Als ich vorletzten Samstag Nachmittag durch die Berner Hauptgasse ging, fiel mir ausserdem auf, wie viele „Randständige“ es gibt. Hier gibt es sie wohl auch, aber viel versteckter. Undenkbar, dass in Beirut ein „verjäster“ Typ mit Joint in der Hand laut grölend durch die Stadt zieht. Hier würde er wohl sofort verhaftet...

Die Probleme, die die Leute etwa im Bus beschäftigen, kommen einem total lächerlich und peinlich vor: ein Töff-Fahrer auf dem Trottoir ohne Helm, den die Polizei ungebüsst laufen lässt! Ein Bus-Chauffeur, der einem nicht die vorderste Tür öffnet! Tonnerli! Wie schön, wenn man sich über so was aufregen kann, denke ich – und bin mir bewusst, dass ich mich in einigen Monaten vielleicht über die gleichen Dinge nerven werde. Irgendwie tut es dennoch gut, sich bewusst zu werden, wie privilegiert die allermeisten von uns in der Schweiz sind, im Vergleich zu anderen Weltgegenden. So bünzlig und bieder mir Bern auch vorgekommen ist, letztlich ist es doch einfach toll, dass die Bundesräte hier Velo oder Zug fahren und nicht zuoberst auf der Abschussliste ihrer politischen Gegner stehen. Anna

2 Comments:

Anonymous nicola said...

liebe anna
du hast die treffenden worte gefunden!!!die wahl der kleidung und die probleme, sind wohl die dinge, die einem am meisten auffallen. was ich dann aber immer am erschreckendsten finde, ist, wie schnell man selber dann wieder in die alte rolle faellt!! aber man sollte den schweizern schon wieder einmal bewusst machen, was wir fuer ein privilegiertes leben fuehren! sich zu bewegen ohne staendig von einem checkpoint aufgehalten zu werden und von einer mauer umgeben zu sein, sich frei aeussern koennen ohne gleich verfolgt zu werden, studieren und eine gute ausbildung geniessen koennen und nicht zuletzt sich ueber kleinigkeiten aufzuregen, ohne dass man sich dabei darum kuemmern muss, ob man heute etwas zu essen auf dem tisch hat oder nicht!
sicherlich ist nicht zu vergessen, dass auch in der schweiz armut vorherrscht, aber ich denke, dass man sagen kann, dass der durschnittsschweizer ein angenehmes leben mit seinen eigenen probleme fuehren darf!
salamat nicola

25/9/06 10:19  
Anonymous Anja Sieber said...

tacno! wie die bosnier sagen würden. genau so geht es mir jeweils auch, wenn ich aus bosnien in die schöne aare stadt zurückkehren darf - aber all zu schnell bin ich auch wieder im alten muster drin...
gruss euch beiden :-)
anja

27/9/06 17:54  

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