Thursday, September 14, 2006

Die spinnen, die Libanesen – Zurück in den 80er Jahren.


«Sie haben mein Heim zerstört, aber meinen Willen nicht. Sie haben meinen Sohn getötet, aber ich bleibe stark. Immer werde ich auf meinen Gegner schiessen. Ob ich sterbe oder am Leben bleibe, ist egal.» Synthetische Bläser, arabische Gesänge, Gewehrsalven und Sirenen mischen sich zu einer unerträglichen Kakophonie. - Schreckliche Propaganda-Musik der Hizbullah! Ich habe gemeint, damit sei jetzt Schluss. Weit gefehlt: Jetzt dröhnen ähnliche Lieder vom Hauptquartier der christlichen Miliz der Lebanese Forces in grösster Lautstärke auf unsere Wohnstrasse hinaus. Die Lieder stammen aus den 1980er Jahren, aus dem libanesischen Bürgerkrieg. Sie lassen den Milizführer Bachir Gemayel hochleben, der am 14. September 1982 durch einen Bombenanschlag ums Leben gekommen war. Wie alle libanesischen Kriegsführer hatte auch er «zünftig Dreck am Stecken»; verehrt wird er trotzdem – oder erst recht. «Achrafieh ist der Anfang, und Achrafieh ist die Legende Bachir Gemayels», singt ein Männerchor. Wie in den Hizbullah-Songs wird auch hier die Musik neu aufbereitet mit Synthesizern, synthetischen Bässen und technoiden Beats. Fast jeder, fast jede in unserer Strasse hat das neue, offizielle Gemayel-Bild an sein oder ihr Fenster geklebt. Gestern Abend gab’s sogar Feuerwerk; es krachte wie im Krieg - die spinnen, die Libanesen! Und heute gabs dann bei der Place S’Assine den grossen Bachir-Gemmayel-Showdown. Aus allen Ecken dröhnten die Propaganda-Lieder, Reden wurden geschwungen, und ein paar «gewichtige» Parteileute fuhren in dunklen Autos vor – begleitet von x Sicherheitsleuten. Entsetzlich das junge Alter der meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Fast alle unter zwanzig. Fast alle tragen Fahnen, und sie johlen wie bei einem Fussballspiel. Männlein und Weiblein aber bunt gemixt. «Die Generation, die den Bürgerkrieg nicht erlebt hat, fährt wieder voll auf die alten Kriegshelden ab», haben mir meine Musikerfreunde immer mal wieder gesagt ... vor allem dann, wenn sie pessimistisch von der Zukunft ihres Landes sprachen.

Die kritische Bürgerkriegsgeneration hört lieber den Sänger Philemon Wehbe, der in den achtziger Jahren in einer 30-minütigen Komposition und Schimpftirade mit sämtlichen Politikern und politischen Idealen des Landes abgerechnet hatte. «Gebt alle eure Waffen her, geht heim und schlaft», sang er, und listete all die Politiker auf, die zum Teil noch heute an der Macht sind. «Sie alle haben dich gefickt, oh Libanon. Sie haben dich verkauft, oh Libanon.»

Und das noch: Ich höre Gerüchte, dass die Bar- und Club-Besitzer in Beiruts Ausgehmeile Gemmayze migrieren wollen. Sie wollen eine Clubstrasse in der südlichen Provinzstadt Saida eröffnen. Immerhin gibt’s dort jetzt über 10'000 Männer aus Frankreich, Italien und anderen Ländern. Da lässt sich was verdienen. - zumal das Geschäft immer noch mies läuft. Wer will es ihnen verübeln. Aber: Sie spinnen, die Libanesen.

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