Saturday, September 09, 2006

Ein bisschen Frieden – oder: Die Rolle der Künstlerin im und nach dem Krieg



Die Luftblockade ist weg. Der Pilot der ersten Maschine der Middle East Airlines hat vor Freude gleich drei Runden über dem Stadtzentrum gedreht. Ich interviewte zu jener Zeit gerade die Pianistin und Komponistin Joelle über die Rolle der Künstlerin im und nach dem Krieg, und über die Einflüsse der Gesellschaft auf eine Künstlerin. Wir hörten den Jet über uns kreisen, meinten es seien drei – die lokale Zeitung klärte mich am nächsten Tag auf. «Lass uns mit Champagner anstossen», meinte Joelle, «Die Luftblockade ist weg! Juhui!» Ich dachte mir, «jetzt hast du doch noch eine historische Tonaufnahme gemacht» - beim Kriegsanfang, als die israelischen Kriegsflieger über unserer Wohnung dröhnten, da hatte ich es ja nicht gewagt, auf den Balkon rauszugehen und diesen Krach aufzunehmen. Schaulustig sein bringt Unglück, dachte ich damals, plötzlich abergläubisch geworden.

Was ist die Rolle einer Künstlerin, eines Künstlers im und nach dem Krieg? Diese Frage habe ich in diesen Tagen sehr oft mit Musikerinnen und Musikern diskutiert. Joelle sagt, als Künstlerin müsse sie Vorbild sein. Im Idealfall könne sie Menschen dazu inspirieren, das Mögliche - und nicht nur das Wahrscheinliche – anstreben zu wollen. Ihre Vorbilder seien Bach, Beethoven, Shakespeare, Virginia Wolf und einige andere; sie hätten ihr gezeigt, dass es einen Weg neben dem Alltäglichen geben kann. Libanon hingegen, so Khoury, sei ein Land ohne Vorbilder. «Die vermeintlichen Vorbilder, all die Clan-Chefs und politischen Führer, sind alles korrupte Lügner. Und die meisten potentiellen Vorbilder sind ausgewandert und schauen gerne etwas arrogant auf die Daheimgebliebenen herab. Zum Beispiel sprechen sie schlecht über unsere Musikszenen hier.» Man müsse doch die Umstände in Betracht ziehen, unter denen hier in Libanon Kunst entstehe, findet Joelle, propagiert damit aber keinesfalls einen Kulturrelativismus - sie findet aber, dass man nicht immer zu schnell urteilen und etwas genauer hinhören und hinschauen müsste. «Ein Künstler ist auch ein Mensch. Er lebt in einer Gesellschaft mit, kriegt von ihr sein Wissen vermittelt und seine Scheuklappen aufgesetzt, will aber kontinuierlich seinen Horizont erweitern. Und so kann er mithelfen, eine Gesellschaft zu verändern.» An politische und sozialkritische Kunst glaubt Joelle nicht. «Ich will in Beirut bleiben, meine Fühler aber in die ganze Welt ausstrecken. Als Pianistin orientiere ich mich am internationalen Level, die beste Pianistin Beiruts zu sein, das reicht nicht, das darf nicht reichen! Nur so, kann ich vielleicht ein Vorbild für eine jüngere Libanesin, einen jüngeren Libanesen sein.»

Der Rapper Wael sagt ungefähr dasselbe. Er ergänzt, dass ein Künstler nicht zu sehr nach links und rechts schauen und seine Kunst nicht auf ein Publikum zuschneiden dürfe. «Ich beschäftige mich in erster Linie mit mir selber. Rap ist Selbsttherapie. Ich glaube, je mehr ich mich selber vertone, je mehr kann ich Menschen inspirieren.» Auch Zyad, ein Oud-Spieler, Sänger und politischer Kolumnist in einer renommierten libanesischen Zeitung, will Musik in erster Linie für sich selber machen. Er glaubt nicht an all die Politsänger wie Marcel Khalife, Khaled el Haber und Ahmad Kabour, die im libanesischen Bürgerkrieg (1975 – 1990) linkes und kommunistisches Kulturgut vertont haben. «Die Musik selber muss im Zentrum stehen. Sie muss den Zuhörern ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Sie muss die Leute zum Hinhören, zum Geniessen animieren. Nur so kann Musik etwas verändern.» Dass sie als Musiker den Libanon wieder aus seiner Schieflage hieven können, glauben die drei nicht. Veränderungen passieren sehr langsam. Immerhin, so Wael, habe die libanesische Künstlerszene im Krieg mit all ihren Blogs und Webstreams einer breiteren Weltbevölkerung aufzeigen können, dass Beirut eine kultivierte, weltoffene, kosmopolitische Stadt sei. Vielleicht habe dies mitgeholfen, dass der Druck auf Israel, die USA und die UNO gestiegen sei und es dann am Ende doch noch zu einem Waffenstillstand kam.

Am frühen Samstagmorgen scheint auch der Hafen wieder aufgegangen zu sein. Zum ersten Mal seit langem waren diese Scheinwerfer wieder an, die das Schlafzimmer so hell ausleuchten. Mitten in der Nacht wurden Container verladen; der Krach hat mich aufgeweckt. Endlich liegt wieder einmal ein Schiff im Hafen. Thomas

1 Comments:

Blogger Angel Feathers Tickle Me said...

Love to all.....

9/9/06 08:56  

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