Friday, September 22, 2006

Erinnerungen an die goldenen Sechzigerjahre


Ich bin wieder zurück im libanesischen Alltag. Die ganze Woche habe ich Musikerinnen und Musiker getroffen: Die Beiruter Rocker der ersten Stunde schwärmten von der Beiruter Rockszene während des libanesischen Bürgerkriegs. In den 70er und 80er Jahren hätten sie Konzert um Konzert gegeben. Die Säle waren voll, selbst wenn in der Stadt gekämpft wurde. Heute hingegen wolle keiner mehr Live-Musik hören. Und die jungen Musikerinnen und Musiker seien nicht wirklich in der Musik drin; «Musik ist nur noch Lifestyle». Irgendwie wirken diese Musiker traurig: «Wir haben unsere Ziele nicht erreicht, aber wie sollten wir auch», sagt Emile, ein heute 50-jähriger Schlagzeuger. «Beirut war abgeschnitten von der Welt. Als Rockband konntest du höchstens zwei drei Mal pro Jahr in Beirut spielen, dann war Schluss. Auslandtourneen gab’s nie – auch wenn im Bürgerkrieg BBC und andere internationale Fernsehstationen über die 'verrückten Rocker unter den Bomben' berichteten.» Im und nach dem Krieg spielten Emile und seine Musikerfreunde auch Jazz- und Latin-Musik - zwangsläufig. «Wir mussten unser Repertoire verbreitern, um in möglichst vielen Restaurants der Stadt spielen und unser Geld verdienen zu können.» Eine andere Einkommensquelle bildet heute der panarabische Popmarkt. Viele der CDs werden in Beirut produziert - die alten Rocker sind zu Studiomusiker geworden.

Die Komponisten, Arrangeure und Musiker, die der Sängerin Fairuz und den Brüdern Rahbani zu Weltruhm verhalfen, verdienten ihr Geld vor und während dem Bürgerkrieg in den vielen Bars und Cabarets der Stadt. Heute sind sie alle über siebzig Jahre alt, und schwärmen vom Beirut der Sechzigerjahre. «Damals gab’s in allen Nachtclubs kleine Live-Ensembles, die arabische Musik, Jazz und die neuesten Pophits aus dem Westen spielten», erzählt ein bekannter armenischer Pianist und Komponist: «Es gab damals in Beirut viel Geld zu verdienen, die Stadt zog viele ausländische, vor allem europäische Musiker an», erinnert er sich: «Muslimische, christliche, jüdische Musiker, alle spielten sie in Beirut – es waren goldene Zeiten!» Musik war damals hoch angesehen, das habe ich schon öfters gehört. Der libanesische Präsident Chamoun selber war ein grosser Musikfreund und Kulturförderer. Er förderte zum Beispiel das Musikfestival in den antiken Ruinen von Baalbek; das Festival erlangte Weltruhm und war eine wichtige Visitenkarte für einen aufstrebenden Libanon zwischen Orient und Okzident.

Heute sei alles anders, das sagen sie alle: die Rocker, und die Komponisten. Heute gäbe es nur noch Korruption, Machtgeplänkel, und kaum mehr Kultur. Nicht wenige machen den Hariri-Clan, den Einfluss Saudi-Arabiens, die arabische oder sogar die muslimische Welt an sich für alles verantwortlich. Ich kann den Frust und die Argumente der Musiker nachvollziehen, aber ich finde sie zu allgemein, zu sehr «schwarz-weiss». Es gibt in Libanon heute sowohl muslimische wie christliche KünstlerInnen, die das Land vorwärts bringen wollen. Die zeitgemässen Kulturorganisationen im Land sind konfessionell gemixt. Diese Woche etwa wurde das arabische Filmfestival der Beiruter Organisation Beirut DC durchgeführt – siehe www.beirutdc.org. Die Dokumentar- und Spielfilme aus allen Ecken der arabischen Welt zeigten, welch grosses Potential der Nahe Osten hat. Es muss dafür gekämpft werden, dass diese Künstler, die Teil einer grösser werdenden Zivilgesellschaft sind, mehr Einfluss nehmen können. Wie genau dies geschehen soll? Darauf gilt es Antworten zu finden.

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