Thursday, September 07, 2006

Understanding Lebanon

Der Titel dieses Textes ist ein Widerspruch in sich – Libanon kann man nicht verstehen. Oder besser: Libanon kann ich nicht verstehen. Vielleicht liegt es daran, dass ich zu wenig weiss über das Land, zu wenig lange hier gelebt habe. Aber ich kann einfach nicht behaupten, dass ich das Land jetzt besser verstehe als noch im März, als wir hier angekommen sind (wir waren ja auch vorher schon mehrmals hier). Die Libanesen verstehen wohl oft selber nicht, wie ihnen geschieht, und sie haben die Geschicke ihres Landes oft auch nicht in eigener Hand.
Ein Freund meinte gestern, er lese keine Zeitungen mehr – Zeitung lesen sei, wie in Bars rumhängen: alle lästern über alle Nicht-Anwesenden. Und es ist wirklich so – die Politiker beleidigen sich via Medien gegenseitig, unterstellen einander gegenseitig Verschwörungen, verunglimpfen einander. Und das, nota bene, in einer Situation, die wahnsinnig heikel und instabil ist. Ich kann gut verstehen, dass man hier keinem Politiker traut. Aber ich kann ebenso wenig begreifen, wie nun total säkulare junge Libanesen die Hizbullah als Hoffnungsträger für das ganze Land feiern und wirklich glauben, die Partei Gottes würde selber säkular agieren (?kann man das?). Thomas erzählte heute von einem Musiker (arabische Musik), dessen Konzerte früher im Südlibanon von der Hizbullah immer wieder unterbrochen und verboten wurden. Und dieser gleiche Musiker unterstützt die Hizbullah heute und möchte eine Hizbullah-Regierung! Er hat am eigenen Leib erfahren, wie sie in Hizbullah-Country agieren, Kultur verbieten. Ich nix verstehen.
Mit einer Freundin unterhielt ich mich vor kurzem über den Palästina-Konflikt. Sie meinte, was in den Palästinenser-Lagern im Libanon geschehe, sei eine Art langsamer Holocaust (habe mich erstens an der Terminologie gestört). Ich meinte, ja, schlimm, da hat der libanesische Staat eine ganz üble Rolle gespielt. Worauf sie meint, was, wieso der libanesische Staat? Die Israelis haben sie doch vertrieben, nicht die Libanesen! Sie stritt glattweg ab, dass die Libanesen eine Verantwortung tragen für die Art und Weise, wie die Palästinenser in den Lagern seit Jahrzehnten darben, fast ohne Rechte, ohne Zukunft, ohne Möglichkeit, sich in die libanesische Gesellschaft zu integrieren. Die sollten ja in ihr Land zurückkehren! In Jordanien seien sie besser aufgenommen worden, weil das Land eh nur Wüste gewesen sei, und Syrien habe sie besser empfangen, weil – hm, nun, da wusste sie keine Antwort. Sie meinte einfach, nur die Israelis sind schuld am Los der Palästinenser in den Lagern im Libanon. Basta. Es steht ja nicht zur Diskussion, dass die Palästinenser vertrieben wurden und ihre Dörfer nicht freiwillig verlassen haben. Aber es kommt doch keinem in den Sinn, die Wirtschaftslage in Marokko dafür verantwortlich zu machen, wenn marokkanische Plantagenarbeiter in Südspanien wie Dreck behandelt werden! Die Tatsache, dass die palästinensischen Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren sollen, rechtfertigt doch nicht, sie hier brutal zu diskriminieren und marginalisieren! Ich nix verstehen.
Und nun noch etwas ganz anderes, aber ebenfalls Unverständliches zum Schluss: Ich kann auch nicht verstehen, was unsere Nachbarn die ganze Zeit machen: Gegenüber von uns drehen sich einige Kinder seit Monaten dauernd wie verrückt im Kreis! Ständig! Jeden Tag! Schnell und schneller! Warum? Wozu? Ist das nur eine Phase? Werden sie davon high? Oder befindet sich im christlichen Achrafiyé eine heimliche Derwisch-Schule?? Habe mir die Klingel-Schilder des betreffenden Hauses mal angesehen und kein Indiz für nichts gefunden. Ich nix verstehen.
Anna, 7.9.

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