Tuesday, October 03, 2006

Tirana – Istanbul - Beirut


Übermüdet schreibe ich diesen Eintrag am Pult meines netten «Furnished Apartment» in Beirut. Ich war ein paar Tage weg: An einem internationalen Symposium über «Urban Music in the Balkans» in Tirana, Albanien. Musikethnologen aus der halben Welt diskutierten über die vielfältigen Volksmusikstile in Südosteuropa, und über all die komplexen Wechselwirkungen zwischen ihnen. Immer wieder wurde über Identitätsfragen geredet - zum Beispiel: Ist eine bestimmte Volksmusik nun eher vom osmanischen Maqam-Musiksystem geprägt, oder aber von christlich-byzantinischen Skalen? Diskutiert wurde auch, wie all die Volkslieder und die Poplieder in den verschiedenen Regionen des Balkans in verschiedenen Versionen und Texten zu finden und hören sind. Der Dokumentarfilm «Whose is This Song?» von Adela Peeva zeigte, wie die Leute in den verschiedenen Ländern ein bestimmtes Volkslied für sich beanspruchen: «Das ist unser Lied», sagen sie alle, die Türken, die Griechen, die Mazedonier, die Albaner, die Bosnier, die Serben, die Bulgaren. Streit bricht aus, viele äussern sich extrem nationalistisch. Die Wissenschafter aus Südosteuropa ärgern sich fürchterlich über den Film: Man hätte diesen Film ganz einfach auch anders machen können, finden sie. Gerade die Tatsache, dass alle dieses Lied kennen und lieben, sage doch auch etwas über den Zusammenhalt in der Region aus. Sie finden, dass Peeva in ihrem Film bewusst provoziert: Sie zeigt zum Beispiel eine muslimische Sekte in Bosnien, die das Lied singt. Dann filmt sie die Sekte, wie sie ziemlich inbrünstig und lange islamistische Parolen skandiert und auf Anfrage schlecht über die Serben redet. Dieses Material zeigt sie dann in einer Kneippe ein paar serbischen Männern, die daraufhin in Rage geraten und die Filmemacherin rausschmeissen. «Solche Filme gefallen euch Europäern. Nur diejenigen Filme, die auch Konflikte ansprechen, werden finanziert und unterstützt», sagt einer der Wissenschafter an der Konferenz. Er hat sicher nicht ganz Unrecht. Am Schlussabend trinken wir Schnäpse aus allen Ländern der Region, erzählen Witze aus allen Ländern der Region, lachen über Serben, Albaner, Bosnier, etc. und keiner stört sich daran. Nur ich, der aus der kleinen Schweiz, kriege irgendwie keine der Pointen mit - zu komplex ist alles hier, zu vieles müsste ich verstehen .....

Von Tirana bin ich dann nach Istanbul geflogen. Die fünf Stunden bis zum Weiterflug nach Beirut habe ich genutzt, um Freunde aus der Istanbuler Musikszene zu treffen und neue CDs zu kaufen. Zu Wasserpfeife und Bier wurde es mir dann traurig ums Herz: In zwei Wochen geht’s zurück in die Schweiz, die seit der letzten Abstimmung noch etwas mehr zu einer Festung geworden ist. Irgendwann werden wir vor lauter Einsamkeit nicht mehr begreifen, was in der Welt vor sich geht! In Tirana, Istanbul, Beirut und in vielen anderen Orten dieser Welt erlebst du all die Auswirkungen weltweiter Globalisierungs- und Lokalisierungsprozesse tagtäglich hautnah. In der Schweiz wird in zwei Wochen wieder alles weit weg sein: Wir wissen, dass es da draussen Probleme gibt, also halten wir uns diese Probleme möglichst vom Hals. Irgendwann aber werden wir nicht mehr am Puls der Zeit sein. Irgendwann werden all die gescheiten Menschen, die ich im Nahen Osten und auf dem Balkan getroffen habe, ihre Lebenserfahrung und ihr Wissen über die Welt nutzen können und uns auf einigen Ebenen überholen - irgendwie hoffe ich das für sie! Ich glaube zum Beispiel, dass die spannende neue Musik von morgen aus urbanen Zentren in Asien, Afrika, Lateinamerika, etc. kommen wird. Darum bin ich letztlich nach Beirut gegangen. Thomas

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